Henne Ei? Ei Henne? – die Geschichte des LongSkateboards

Henne Ei? Ei Henne? – die Geschichte des LongSkateboards  Über die Entstehungsgeschichte des Longboardens gibt es einige Theorien. Die meisten besagen: Longboarden ist ein Ableger des Skateboardens und das wiederum hat seine Wurzeln im Surfen. Aber die Wahrheit ist ein wenig komplizierter und unsere Version der Geschichte ist sowohl wahr, wie auch mit Fakten belegt. Und es macht verständlich, wieso Longboarden und Skateboarden als zwei unterschiedliche Sportarten wahrgenommen werden, obwohl die Basis die gleiche war und ist.

Wann immer das Thema Rollbrett angesprochen wird, werden die Dog Town Boys als Referenz genannt. Aber bereits eine Dekade vor den Jungs aus Kaliforniern gab es einen gewaltigen Boom.

Egal mit welchem Boardhersteller wir uns unterhalten haben – die Erinnerungen reichen immer nur bis in die frühen 70er Jahre zurück. Es ist, als wenn es von der Zeit der 60er Jahre oder den Jahren davor, keine oder nur unzureichende Aufzeichnungen gibt. Also haben wir uns auf die Reise in die Zeit der Beachboys und dem aufkommenden Surfboom begeben.

1963 – Der junge Präsident Kennedey sollte im November in Dallas erschossen werden und der Vietnamkrieg hatte für die Amerikaner noch nicht begonnen. Die Gesellschaft stand kurz vor dem Umbruch in Richtung Love & Peace. Surfer wurden als Landstreicher bezeichnet und das Longboard war noch nicht erfunden… War es nicht? Bild- oder Tonmaterial, die das belegen, existieren jedenfalls kaum.

makaha

Bei den Recherchen zu einer der früheren Ausgaben der 40inch, ist uns ein Eintrag in einem Blog ins Auge gesprungen. Dort wurde berichtet, dass Larry Stevenson im Alter von 81 Jahren gestorben ist. Er galt als Gründer der ersten wirklich erfolreichen Skate- bzw. Longboardmarke, Makaha Skateboards. Er gründete das Unternehmen mit 32 Jahren, im Jahre 1963. Um ihn kommen wir nicht herum, wenn wir uns auf die Suche nach den Wurzeln des Rollbretts machen. Wir haben natürlich alles versucht, um Informationen über ihn zu bekommen und so landeten wir schließlich bei seinem Sohn Curt.

Eine kleine Anekdote zu Curt. Irgendwann im Dezember, ein paar Monate nach dem Interview, meldete sich jemand über Facebook mit einem Fantasienamen bei mir und fragte, ob wir nicht für seine Band einen Platz für einen Auftritt hätten. Als ich erkannte dass es Curt war, sagte ich: „Klar, auf der ISPO Embassy kannst du bestimmt auftreten“ Er: „nee, ich brauche eine Halle wo so 5.000 Leute reinpassen“ Ich: „Wozu das denn?“

Es stellte sich raus, das er zusammen mit der Restbesetzung der Doors auftreten wolle und statt Jimmy Morrison, der Sohn von Gitarrist Robby Krieger singen sollte. Ich war natürlich geehrt aber das war dann doch eine Nummer zu groß für uns.

Hier ist ein Auszug aus dem Interview, bei dem einige Details sehr wichtig sind….

 

Curt, was waren deine ersten Erinnerungen an Deinen Vater und das Skateboarden?

Die ersten Erinnerungen an meinen Vater? Das war Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre. Ich denke, ich war drei oder vier Jahre alt, mein Vater war Rettungsschwimmer am Break-Water-Tower in Venice Beach und meine Mutter spielte ein paar Meter weiter Volleyball. Den Break-Water Tower gibt es noch heute. Hier spielte sich der Großteil des Lebens meiner Eltern in den 50er und 60er Jahren ab. Freundschaften die ein Leben lang hielten, wurden geschlossen. Miki Dora, Mike Doyle oder auch Phil Edwards waren nicht nur die besten Surfer dieser Zeit sondern auch Freunde meiner Eltern. An diesem Strand in Venice sah mein Vater Ender der Fünfziger viele Kids die ihren Rollbrettern auf den Wegen herumfuhren. Das waren dann meistens irgendwelche Eigenbauten mit Eisenrädern. An an den Hermosa Beach kann ich mich gut erinnern. Da war eine Schule am Pacific Coast Highway. 1970 kamen die Kids überall her, um dort auf den Tennisplätzen aus Beton zu skaten. In diesen Tagen war Skateboarden in erster Linie das Rollen auf sehr glatten Oberflächen. Wir würden es heute als Cruisen bezeichnen. Mein Vater gab immer seine neuesten Boards zum Testen oder als Geschenk heraus. Bruce Logan (Weltmeister im Skateboarden 1975) und seine Brüder trainierten ebenfalls dort. Und so konnte schon mal passieren, dass ich auf den Schultern von Bruce durch die Gegend skatete.

Mit meinen drei oder vier Jahren wurde ich auch mit auf Messen genommen und hielt Mittagsschlaf in den Skateboardkartons hinter dem Messestand. Daran habe ich aber nur ganz diffuse Erinnerungen. Als ich älter wurde, hatte ich immer das neueste Makaha Skateboard. Es ist lustig, dass ich erst vor ein paar Wochen eines aus der neuen Kollektion erhalten habe. Dieser Teil meines Lebens hat sich erfreulicherweise nicht geändert.

 

War dein Vater mehr Skater wie Surfer oder eher umgekehrt?

Er war eigentlich keines von beidem. In diesen Dingen war er komisch. Er moche die ganzen „angesagten“ Trends überhaupt nicht. Ein Teil einer Jugendbewegung oder überhaupt einer Bewegung zu sein, davor grauste ihm. Wenn die Kids gerne Rock hörten, hörte er eben keinen. Und anstatt bei Events am Break-Water Tower zu surfen oder zu skaten, räumte er lieber im Rettungsschwimmerbereich auf. Er schwamm gerne auf den „Open Ocean – Pier to Pier“ und manchmal packte es ihn und er machte die verrücktesten Sachen. Zum Beispiel veranstaltete er eine riesige Tradeshow und engagierte mal eben die Beach Boys (Popband und Vorreiter der „Surfmusik“, die damals Superstar-Status hatten). Die sollten dann auf der Aftershow für Stimmung sorgen. Diese Surf Fair in Santa Monica war meiner Meinung nach die erste Extremsportmesse, die es jemals gegeben hat. Wenn es um das Skateboarden ging, rollte er natürlich an vordester Front. Als Skater wollte er jedoch nicht bezeichnet werden. Er sah sich mehr als Tüftler, Macher und Erfinder. Und das war er auch.

Was war der Lifestyle der Skater in den 60er Jahren? Ich habe Bilder gesehen, in denen dein Vater im Anzug die neuen Boards präsentiert hat. Das hat mich an „Endless summer“ (Kultfilm aus den 60ern) erinnert?

Ich bin ja erst Mitte der 60er geboren, aber ich kenne die Bilder von Interviews. Ich denke der Lifestyle der Skater war identisch mit denen der Surfer. Die meisten Skater haben gesurft, wenn sie nicht geskatet haben – oder eben umgekehrt und sie galten als undisziplinierte Punks. Was die Anzüge betrifft, so habe ich die Bilder von unserem Skateteam gesehen. Wann immer es auf Präsentationen oder Messen ging, war der Anzug Pflicht. Ich glaube mein Vater hat das angeordnet. Er war sehr professionell und respektvoll, da gehörte die Krawatte einfach zum guten Ton.

 

Hast Du als Kind viel von der Produktion und Entwicklung mitbekommen?

Mein Vater hat mir alles gezeigt. Wie man Prototypen, Serienboards und sogar wie man Verpackungen baut. Das erste Mal in einer Garage in Playa del Ray. Das war das Jahr in dem sich meine Eltern haben scheiden lassen. Mitte der 70er Jahre, als die Serienproduktion nach Südostasien verlagert wurde, haben wir in einem Hotel mit Spachtelmasse und Balsaholz einen Prototyp gefertigt um ihn der Fabrik auszuhändigen. Damit konnten dann im Werk Formen hergestellt werden.

Er war unglaublich kreativ wenn es darum ging Prototypen oder Modelle seiner nächsten Boards herzustellen um diese dann Investoren zu zeigen. Ja, ich kann sagen: Ich habe alles was es braucht um Skateboards zu entwickeln und zu bauen von Kindesbeinen auf gelernt.

In der Vergangenheit hat die Marke deines Vaters „Makaha Skateboards“ keine große Rolle mehr gespielt. Warum hat Makaha den Kontakt zur LongSkateboardszene verloren? Nehmen wir mal Marken wie Sector9 oder Madrid als Vergleich.

Das gleiche habe ich meinen Vater gefragt. Er sagte, wir haben nie wirklich aufgehört dabei zu sein. Wenn Makaha auch mal pausierte, so haben wir vieles andere bewegt. Neue Trucks und Boards wurden entwickelt. Auch ein Skateboardmagazin haben wir herausgegeben. Schon 10 Jahre bevor Dogtown zum Thema wurde, war es Makaha, die das Boarden populär machte. Nicht das die die Jungs von Dogtown keinen großen Einfluß auf die Szene gehabt hätten. Aber Makaha war nun mal der Brand, der viel früher Bretter in großen Massen produzierte.

Nachdem mein Vater gestorben war, gab es dann einen Run auf die Bretter. Wenn du im Internet Makaha suchst, findest du 50 Jahre alte Boards aber auch ein 2012er Modell. Das ist großartig.

Es ist so cool Bilder und Mails von Leuten zu erhalten, die Makaha Skateboards von ihren Vätern vererbt bekommen haben. Diese Boards, die ich alles gesehen habe, kommen nun alle zurück zu mir.

 

Wir haben mit vielen Manufakturen darüber gesprochen, wer denn nun die ersten Longboards gebaut hat. Viele behaupten im persönlichen Gespräch von sich, mit die ersten gewesen oder aber unmittelbar daran beteiligt gewesen zu sein. Wie siehst du das?

Die Idee ein Stück Holz auf irgendwelche Räder zu nageln gibt es ja schon seit der Erfindung des Rades. Aber natürlich nicht unbedingt aus Spaß am Skateboarden. Mein Vater sah seine ersten „Skateboarder“ in den 30er Jahren als er im McKinsley Krankenhaus untergerbracht war. Das war während der großen Depression. Er und sein Bruder wurden dorthin gebracht, denn ihre Mutter mußte viel arbeiten und konnte sich nicht um sie kümmern. Mein Dad erinnerte sich daran, dass die Kinder Rollschuhräder unter Holzbretter montierten und dann eine Art Lenker auf dem Brett befestigten. Diese selbstgebauten Scooter verloren relativ schnell ihren improvisierten Lenker und es blieb nur noch das Brett mit den Rollen über. Aber das war den Kids egal. Sie konnten auch Spaß mit den Brettern haben – ohne dass ein Lenker zur Verfügung stand. Das verbreitete sich damals wie ein Lauffeuer. Ich würde sagen, DAS ist es wo das Skateboarden herkommt. Boards aller Größen und Formen haben ihren Ursprung in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Ob die Jungs mit ihren umgebauten Scootern geahnt haben, dass ihr Sport eine Tages ganze Generationen von Jugendlichen prägen würden?

Wahrscheinlich nicht – aber es war definitiv die Wiege des Skateboardens… Ich glaube hiervon und von den Surfern der 50er ließ sich mein Vater inspirieren.

Wie ging die Geschichte weiter? Was ist passiert, Mitte der 60er Jahre? Bei unseren Recherchen sind wir wie oben beschrieben auf viele Theorien gestossen. Fakt ist: 1965 verkaufte Makaha Skateboards, Bretter, die wie die heutigen Cruiser und Minicruiser aussahen. Und zwar in einer Masse, die kaum vorstellbar für unsere Verhältnisse ist. Über 2.000 verkaufte Makaha-Bretter PRO TAG (!) gingen in den Surf- und Skateshops über den Tresen. Dies entspricht fast der monatlichen Menge an Brettern, die von den großen Firmen heutzutage im Monat verkauft werden.

Und ganz plötzlich entwickelte sich ein gigantischer Markt mit vielen Anbietern. Diese bauten zwar Bretter die in der Form den Makahas ähnelten, eigentlich aber schlechte Kopien waren und in der Qualtität minderwertig. Die Belastung bei gewünschten Tricks oder schnellen Abfahrten waren die gleiche. Hinzu kam, das die Rollen noch nicht in dem heute populären Polyurethan verfügbar waren. Die Rollen wurden aus Metall (!) bei Makaha Skateboards aus Ton gefertigt.

Die Unfälle häuften sich, speziell bei den aus minderwertigen Bauteilen zusammgebauten Billigbrettern. Helme gab es noch nicht, und schon bald folgte die Verbannung der Rollbrettfreunde von den öffentlichen Straßen. Es wurde nicht differenziert zwischen „guten“ und „schlechten“ Marken. Normalerweise kann ein Verbot sich positiv auswirken, um dem ganzen Gebilde einen Kult aufzusetzen. Aber wer die USA kennt, weiß dass die Ordnungshüter Verbote mit aller staatlich verordneten Härte durchsetzen. Der aufkeimende Skateboardboom wurde binnen einen Jahres geboren und getötet. Von Geldgier und Inkompetenz. Makaha Skateboards geriet durch das Verbot ins Straucheln und die erst stockenden und dann völlig absackenden Verkäufe stoppten den Siegeslauf von Larry Stevenson. Makaha brauchte danach Jahre um wieder an Bedeutung zu gewinnen.

Um den aufkommenden Protesten gegen das Verbot Einhalt zu gebieten, wurden die ersten Skateparks gebaut – kein Vergleich mit den Anlagen von heute – aber immerhin ein Platz zum Skaten. Und so rettete sich der Sport in die 70er Jahre. Bis hierhin würde ich den Style als Longboarden bezeichnen, auch wenn die Definition natürlich sinnlos ist, denn unter dem Strich ist es Skaten. Zehn Jahre nach dem ersten Boom, der eben dem Longboarden mehr ähnelte, kamen die Dogtown Boys ins Spiel. Eine grosse Dürre legte 1976 in Kalifornien die Pools trocken und lockte die Skater in die ausgetrockneten Schwimmbecken. Dies war die Geburt des Skateboardens wie wir es heute zumeist wahrnehmen und der „Beihnahe“ Grabstein für das bisherige Boarden.

Das bis dahin so erfolgreiche Freestyle wurde von Bowl-, Pipe- und Vertskaten verdrängt. Als dann der Ollie 1976 „erfunden“ wurde, blühte das Skateboarden vollends auf.

Larry-Stevenson-Kick-Tail-Patent

Ein interessantes Detail ist, dass Larry Stevenson das 1969 Kicktail erfand und 1975 wieder Marktführer im Skateboardbereich wurde, bevor andere Marken ihm wieder den Schneid abkauften. Das Vermächtnis von Larry wird also für alle Zeit bleiben.

Das Longboarden ist nun wieder so groß wie es in den paar Monaten des Booms 1965 war – wenn nicht sogar größer. Und hoffen wir, dass nicht der gleiche Fehler wieder gemacht wird. Billige Produkte – Sicherheit einfach mal hinten anstellen und schon war es das mit der friedlichen Koexistenz auf Deutschlands Straßen oder Gehwegen.

Und wir wissen nun: Das Skateboarden wie wir es heutzutage definieren, stammt vom Longboarden ab. Und beides unter dem Strich, will man Larry Stevenson Glauben schenken – und das sollte man wohl – vom Scooter.