Zurück in die Zukunft

roger hickey
roger hickey

Zurück in die Zukunft – Die wilden Jahre von Jerry Madrid

Am 21. Oktober um 4.29 Uhr landet Marty McFly, und dann wird das Hoverboard ausgepackt. Die Geschichte hierzu beginnt in den Achzigern und ist bis heute legendär.

Die Achtziger… oh mein Gott. Jedes Jahr zu Weihnachten werden die alten Bilder von meiner Mutter rausgekramt, und im ganzen Wohnzimmer findet man Fotos dieser Zeit. Ich im Don-Johnson-Sakko, zeitgemäß mit schicker Föhnfrisur. Die Musik war vom Punk und New Wave inspiriert. Bands wie The Human League oder Mike Oldfield kämpften sich an die Spitze der Top Ten und gerieten wieder in Vergessenheit.

Im Sommer 1985 erklang dann aus den Lautsprechern „The Power of Love“ von Huey Lewis and the News. Kein großes Stück Popkultur, aber es war der Soundtrack von „Zurück in die Zukunft“. Jeder, auch wirklich jeder, hatte diesen Film gesehen und davon geträumt, ein Hoverboard zu fahren. Der Kult um dieses Brett lebt auch noch fast 30 Jahre danach.

Tony Hawk war sogar in einem Video der Fakefirma HUVr zu sehen, wie er ein Hoverboard fährt. Aber wer hat damals das Board für Marty gebaut? Nicht das Hoverboard, sondern jenes, mit dem er im Film real fährt.

Die Recherche war einfach und endete bei einem alten Bekannten: Das Brett stammt aus der Schmiede von Jerry Madrid. Ich wollte von ihm wissen, wie es dazu kam und wie es nach dem Film mit der Entwicklung seines Unternehmens weiterging.

Die Produktionsfirma Universal Pictures wollte damals schlappe 25.000 Dollar als Gegenleistung dafür, ein Madridboard zu verwenden. Heute nennen wir das Product Placement. Für Jerry Madrid zu diesem Zeitpunkt eine Summe, die schmerzte, aber Jerry war und ist ein guter Board-Bauer UND Geschäftsmann. Als die Suche nach dem Stuntman für Michael J. Fox begann, war es naheliegend, jemand aus dem Madrid-Team zu rekrutieren. Wie viel Geld Jerry dafür verlangte, könnt ihr euch wohl denken: 25.000 Dollar. Genau! Und so kostete es ihn keinen Cent, in diesem Blockbuster vertreten zu sein.

Beau Brown auf DEM Brett
Beau Brown auf DEM Brett

Lag es nun an „Zurück in die Zukunft“ oder am aufgehenden Stern von Tony Hawk, der ebenfalls Mitte der 80er Jahre seine Siegesserie antrat, das Skateboarden erlebte jedenfalls erneut einen Aufschwung. Für Jerry Madrid war dies nur ein Teil des üblichen Auf und Ab im Skatebord-Geschäft. Ein weiterer Film („Thrashin'“) wurde gedreht und ebenfalls ein Hit, der Hype, den „Zurück in die Zukunft“ ausgelöst hatte, blieb jedoch unerreicht.

Nach den Filmaufnahmen und den Bekanntschaften mit Steven Spielberg oder Michael J. Fox wartete auf Jerry wieder der Alltag und damit der tägliche Gang in die Werkstatt. Letztlich ging es nur ums Skaten. Steve Douglas gehörte zu den Jungs in der Werkstatt, die so lange arbeiteten, bis das Geld ausreichte, um auf Skatetour zu gehen und monatelang zu verschwinden. Und so waren die Auftritte in Hollywood bald nur noch ein Teil der illustren Firmengeschichte von Madrid Skateboards.

Vom Poolskaten ging ein Weg des Sports Mitte der 1970er Jahre in Richtung Downhill (Speedboarding). Die Entwicklung des Polyurethans für Skateboardrollen machte es möglich. Frank Nasworthy revolutionierte den Markt mit seinen Cadillac Wheels, die neben der neuen Urethanformel auch spezielle Kugellager für Skateboardrollen besaßen. Damit war ein „Point of no Return“ erreicht, und Jerry und seine Clique, zu der Roger Hickey, Beau Brown, Perry Fisser und Dave Perry gehörten, schossen bald darauf die kalifornischen Hügel hinunter.

Im Mittelpunkt stand dabei besonders Roger Hickey, dessen Sicht der Geschehnisse in einem anderen Artikel genauer beschrieben wird. Roger kam unter anderem auf die Idee, die perfekte Speed Tuck auf dem Autodach zu üben – bei Tempo 120 und einem festgeschnallten Brett.

roger hickey
roger hickey

So kam es zwangsläufig immer wieder zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Jerry wurde beinahe zum rollenden Kautionsbüro und musste den einen oder anderen der Crew aus dem Gefängnis holen.

Oder auch aus dem Krankenhaus, denn neben den schweren Stürzen gab es auch reichlich Prügeleien. Die Jungs waren kaum zu bändigen, so Jerry. Er selbst musste bei einigen Raufereien immer wieder dazwischengehen, um Schlimmeres zu verhindern. Die größte Gefahr ging natürlich vom schnellen Downhill aus. Trotz der „Meilensteine“ Urethan und Konkave konnte man die Rennen in diesem Bereich getrost als experimentell bezeichnen.

Werden heutzutage Downhillabfahrten mit Spottern versehen, die Fahrzeuge melden, war es damals noch eher abenteuerlich. Einmal fuhr die ganze Rotte fast in ein entgegenkommendes Auto. Zum Glück wurde niemand vom Fahrzeug erfasst, Rogers Hickeys Gesicht indes ähnelte einem dieser bekannten Party-Snacks (damals ein Muss auf jeder Feier), in denen unzählige Käse-Weintrauben-Spieße steckten. In Rogers Fall waren es die Glasfragmente seiner Sonnenbrille, keine Käse-Spieße. Sein Gesicht wurde rundherum mit Wäscheklammern auf Spannung gezogen und geröntgt. Am Ende fanden sie alle Bruchstücke…

Schutzausrüstung gab es für den Downhillbereich kaum. Nur Helme und hin und wieder Knieschützer, das war alles. Lederkombis waren gänzlich unbekannt. Und so wurden bei Rennen sogenannte „Speedsuits“ aus Nylon eingesetzt. Diese sahen super aus, denn man konnte sie mehr oder weniger frei bedrucken. Alles gut, solange nur kein Sturz die Optik trübte. Der Anzug löste sich dann nämlich in alle Einzelteile auf, und die Mischung aus Nylon, Asphalt und Reibung sorgte für besonders schöne Pizzen.

Erste Magazine zum Thema Longboard fanden nun auch den Weg in die Shops. „Action Now“ zum Beispiel schwenkte vom reinen Skateboarden auf andere Actionsportarten um und berichtete vom Longboarden, Windsurfen, Surfen und allem, was Spaß machte.

Die Core-Skater unter den Lesern wendeten sich ab, und „Action Now“ war Geschichte. Währenddessen wurde „Thrasher“ zum Riesenerfolg und ist bis heute ein beliebtes Magazin geblieben. Auf dem Weg, den „Action Now“ damals beschritt, folgten später Magazine wie „Concrete Wave“ oder „40inch“.

Jerry Madrid wird mit seiner Schmiede wohl alle überleben und noch in 20 Jahren Skateboards bauen…