Wie Frank Nasworthy das Rad neu erfand

Cadillac Wheels

Cadillac Wheels – oder wie das Rad neu erfunden wurde. Frank Nasworthy verdanken wir es,dass wir nicht mehr mit Stahlrollen oder Claywheels auf dem Asphalt herumholpern. In den sechziger Jahren war Frank ein begeisterter Skateboarder – für ihn mehr ein vergnüglicher Zeitvertreib als sein Lebensinhalt. Als der große Run auf den Sport Ende der Sechziger nachließ, landete sein Brett im Keller. Seine wahre Liebe galt dem Surfen.

Summer of 1970

Im Sommer 1970, er lebte mittlerweile in Washington DC, unternahm er zusammen mit seinem Kumpel Bill Harward eine Reise nach Purcellville in Virginia, wo sie einen Freund besuchen wollten. Es war nur ein Kaff mit 3.000 Einwohnern, aber der Vater des Freundes hatte eine kleine Werkstatt, Creative Urethane, in einem Hinterhof, und diese wollten sie unbedingt besichtigen. Als sie durchs Lager schlenderten, entdeckte Frank mehrere 200-Liter-Fässer, in denen sich, so schien es, Rollen für Rollschuhe befanden.

Als er nachfragte, antwortete der Inhaber, dies sei eine Bestellung einer Firma namens Roller Sports, die damit Rollschuhbahnen und deren Betreiber versorgen wollte. Die Urethanrollen würden eben viel länger halten und leiser sein als die gängigen Claywheels. Sie würden perfekt unter die Hobieboards passen, die Bill und er wieder ausgegraben hatten, dachte sich Frank. Er fragte den Inhaber, ob er ein paar Rollen mitnehmen dürfte, und mit 30 Sets Urethanrollen fuhren sie nach Washington zurück.

Erste Tests

Dort bestückten sie ihre Boards mit den neuen Rollen, und der Unterschied war … bahnbrechend. Apropos Bahn, die Rollen wurden nie für den Verleih auf Rollschuhbahnen eingesetzt, weil die Betreiber die üblichen Claywheels  bevorzugten, die -gefühlt- wesentlich schneller waren.

Die neuen Rollen unterschieden sich von den Claywheels vor allem in drei Dingen: Haltbarer, leiser und bei hohen Geschwindigkeiten viel sicherer. Franks Umfeld war begeistert.  Ein ungelöstes Problem waren die Kugellager, wobei die Bezeichnung irreführend ist; richtige Lager, wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht. Jede Kugel wurde einzeln in die Rollen gelegt und mit einem Zylinder fixiert.

Wurde er zu fest verschraubt, stockte die Rolle, war er zu locker, spangen die Kugeln aus dem Kern. Skatbeoardrollen verloren für Frank zunächst einmal ihren Reiz. Pazifikwellen lockten, und Bill und ihn verschlug es an die Küste nach Encinitas in Kalifornien. Diese Stadt mit ihren 60.000 Einwohnern zieht Surfer aus der ganzen Welt an und hat auch einige Künstler und Sportler hervorgebracht, wie zum Beispiel Tom DeLonge, den Sänger und Gitarristen von Blink-182, den Snowboarder Shaun White und den Surfer Rob Machado. In Encinitas blieb Frank hängen. Er arbeitete als Kellner, und wenn er nicht arbeiten musste, surfte er.

Cadillac Wheels

Das Leben war schön, doch irgendwann beschloss er, sich als Unternehmer zu ver-suchen. Die Urethanrollen waren ihm nicht aus dem Kopf gegangen. Er rief bei Creative Urethane an, doch seine Bitte, ihm mehr Rollen zu schicken, wurde abgelehnt. Der Deal mit Roller Sports war bekanntlich geplatzt, und es würde sich nicht lohnen, so der Inhaber, neue Rollen in geringer Stückzahl zu produzieren.

„1.000 Rollen müssten es schon sein“, damit es profitabel wäre. Frank hatte Design und Ingenieurswesen studiert. Eine Rolle zu gestalten, die auf Skateboards passte, fiel ihm leicht, und so bestellte er die Rollen mit seinen Ersparnissen vom Kellnern.

Bill Harward lebte damals in Los Angeles, aber der Kontakt war nie abgebrochen. Bei einem von Bills Besuchen in Encinitas dachten sie über einen Namen des neuen Produktes nach. Mitten in der Diskussion lief im Fernsehen eine Werbung für ein Hundefutter, das Cadillac hieß. Das war es doch: Cadillac, das Hundefutter … Cadillac, der Cruiser der 60er und 70er Jahre … Cadillac, der pure Luxus … Cadillac Wheels!

„Jahre später sorgte diese Namensgebung für einen regen Schriftwechsel zwischen Jerry Madrid und General Motors.“

 

cadillac 2

Erste Verkäufe

Wie schon Hobie Alter, so war auch Frank Nasworthy von den Polyurethanrollen überzeugt. Der grundlegende Unterschied? Er riskierte alles, um seine Vision umzusetzen, und 1972 trafen die ersten 1.000 Rollen aus der Fabrik bei ihm ein und wurden sofort in den Kofferraum verfrachtet (ob es sich um einen Wagen von General Motors handelte, ist nicht überliefert); nun stand ihm der steinige Weg der Verkaufstour bevor.

Seine ersten Anlaufpunkte waren die Surfshops, die überall in Südkalifornien angesiedelt waren. In kurzer Zeit fuhr er 200 Shops an und stellte seine Rollen vor. Franks Begeisterung für seine eigene Idee traf auf die Skepsis der Shopbesitzer. Deren Regale waren durch die Krise der Vorjahre voll mit Brettern, und der Verkauf lief schleppend.

„Skateboards waren damals eher ein Ballast als eine Verkaufsoption.“

Die Shops hatten eigentlich nur drei Optionen: diese Krise auszusitzen und zu hoffen, Skateboarden würde wieder hip werden. Alle Bretter mit viel Rabatt zu verkaufen, in der Hoffnung, zumindest den Einkaufspreis wieder hereinzuholen – also exakt die Lösung, wie sie Vita-Pakt fünf Jahre zuvor praktiziert hatte. Oder aber, die dritte Option, einen neuen Weg einzuschlagen und die neuen Wheels auf die alten Boards zu montieren. Einige meinten, man werfe gutes Geld dem schlechten hinterher. Schließlich kostete ein komplettes Skateboard nur acht Dollar und die neuen Rollen genauso viel.

Aber es gab auch ShopInhaber, die sich auf das Wagnis einließen.  So gewann Frank ein paar Händler für sich, und einigen gab er die Cadillac Wheels sogar kostenlos. Ein kleines Händlernetz war entstanden. Langsam begeisterte sich die Szene für die neuen Rollen, und deren Mundpropaganda war Gold wert: Bald schon bestellte er 2.000 neue Rollen, wenig später 4.000.

 

Die Geister die er rief

Eine Anzeige im „Surfer“ ließ dann alle Dämme brechen. Frank konzentrierte sich voll auf den Vertrieb. Aus dem lukrativen Nebenjob wurde eine Vollzeitarbeit. Cadillac wurde zur beliebtesten Rollenfirma, und die Umsätze vervielfachten sich. Nun bestellten auch die Boardhersteller bei ihm Rollen für ihre Komplettboards – einer davon war Bahne Skateboards. Bill und Bob Bahne waren zwei Brüder, deren Surfboardfirma ebenfalls aus Encinitas stammte. Ihre Erfahrungen mit dem Werkstoff Fiberglas nutzten sie zum Bau eigener Skateboards, die Flex hatten – damals wie heute eine populäre Bauweise.

Cadillac Wheels Situation zu dieser Zeit war sehr ambivalent. Die steigenden Verkaufszahlen bestätigten seine Geschäftsidee, doch der Cashflow wurde bei Bestellungen von 50.000 Dollar oder mehr komplett über den Haufen geworfen. Um einmal den Geldwert dieser Jahre zu verdeutlichen: In Deutschland lag der Bruttolohn zu dieser Zeit durchschnittlich bei etwa 150 Dollar im Monat.

Kooperation

Eine kleine Firma ohne Partner konnte also am eigenen Erfolg ersticken. Diese Erfahrung wollte er nicht machen, also schaute Frank sich nach geeigneten Partnern um. Die Konkurrenz mit ihren kapitalstarken Investoren sah, dass sich mit Skateboard-Rollen gutes Geld verdienen ließ – mit der richtigen Formel. Roller Sports, die anfänglich die Rollen bei Creative Urethane bestellt hatte, war so eine Firma.

Sie machte Nägel mit Köpfen und kaufte die komplette Produktion von Creative Urethane auf. Plötzlich gab es einen Mitbewerber am Markt, der mit einem riesigen Aufwand Werbung betrieb und Marktanteile an sich riss. Frank musste reagieren. Bahne Skateboards war ein potentieller Partner, und man beschloss zusammenzuarbeiten und gemeinsam eine Antwort auf die übermächtige Konkurrenz zu finden.

Und die Antwort von Cadillac Wheels wurde in der Skateboardszene zur Legende. Stellt euch eine Rampe vor: 45 Meter lang, 4,50 Meter tief und etwa 10 Meter breit – eine völlig neue, gigantische Konstruktion. Sie wurde ein Teil der Del-Mar-Skateboardmeisterschaften im Frühjahr 1975, und Bahnes Skateboards und Cadillac Wheels wurden in der Skateboardbranche zum Synonym für Erfolg. Diesen verdankten sie natürlich auch ihrer Pressearbeit, die sie permanent in den Mittelpunkt der Skatemagazine stellte. Natürlich ließen sich die Verlage dies gut bezahlen und ketteten Berichte an Anzeigen.

Der Anfang vom Ende

Ein großer Teil der Einnahmen wurde nun in diese Art der Werbung gesteckt. Weit weniger Kapital wurde genutzt, um das Produkt an sich weiterzuentwickeln. So blieb für Innovationen weniger übrig, als nötig gewesen wäre. Die ersten Risse in der heilen Welt von Cadillac wurden sichtbar. Cadillac Wheels waren schön weich, aber dadurch, dass die ganze Rolle bei Belastung gedrückt wurde, wurde auch der Kern, der nicht besonders geschützt war, gedrückt. Einzelne Kugeln ploppten aus dem Kern, und das hatte natürlich üble Folgen für die Fahrer. Härteres Urethan hätte dieses Problem lösen können – allerdings auf Kosten von Grip und Fahrkomfort. Daher versuchten Frank und die Bahne-Brüder eine Halterung für die Lager in die Rolle zu gießen. Das ging schief. Die Rolle wurde zu hart und verkaufte sich schlecht.

 

Das Ende

Als sie merkten, welche Vorteile die Road Rider Rolle hatte, die mit Präzisionslagern auf den Markt kam, war es bereits zu spät. Eine Million Rollen lagen am Lager, und diese verkauften sich nun kaum noch. Bahne und Cadillac Wheels versuchten gemeinsam ähnliche Rollen wie die Road Rider zu verkaufen, aber von der Szene wurden sie dafür als Nachahmer gebrandmarkt. Für die Marke Cadillac war das der Todesstoß.

Die Bahne-Brüder entschieden sich zunächst zum strategischen Rückzug vom Rollenmarkt. Frank zog Richtung Florida und eröffnete dort einen Skatepark, der mit seinem 4,50 Meter tiefen Pool und seinen spektakulären Bowls als „state of the art“ galt. 1978 gab es nichts Vergleichbares. Aber wenn einem das Pech an den Rollen klebt, geht alles schief, was man anfasst. 1978 wurde Florida von einer Regenfront nach der anderen heimgesucht, und der Pool lief tatsächlich voll. 1979 musste Frank den Park schließen, und das war das Ende.

Bahne Skateboards und Cadillac Wheels gibt es noch heute – mit neuen Inhabern und weniger großen Marktanteilen. Und Frank Nasworthy gebührt unser tausendfacher Dank für dieses 200-Liter-Fass, das er damals fand, in einer Hinterhoffabrik in Purcellville.

Den ungekürzten Text und wie es mit den Rollen weiter ging lest ihr in „The Lost History of Longboarding“

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