Ungesehen – Youtube vs. Real Life

dner in front of concretewave cologne
dner in front of concretewave cologne

Dieser Artikel entstand für die SeaShepherd-Ausgabe im Oktober 2014. Aus aktuellem Anlass haben wir diesen jetzt online gestellt.

Das Bild hat uns Felix von der Laden zur Verfügung gestellt.

Mittlerweile haben DNER und Simon Unge sogar eigene Longboards auf den Markt gebracht!

 

Fast jeder hat schon einmal ein Video bei Youtube hochgeladen und auf Publikum gehofft.
Und mit ein wenig Glück schauen sich das Video dann auch mehr als hundert Leute an. Erfolgreich sind Uploads in der Regel, wenn krasse Stürze gezeigt werden oder das Wort „Fremdschämen“ in neue Dimensionen gehoben wird. Hier reden wir von vielleicht 5.000 Nutzern, die das Video abrufen.

Wenn aber 200.000 oder mehr Youtube-Fans sich fünf Minuten lang verwackelte Bilder von drei oder vier Jungs anschauen, die mit dem Longboard auf irgendeiner Landstraße in Sachsen-Anhalt entlangrollen, dann stimmt doch was nicht, oder?

Das Geschäftsprinzip von Youtube ist so einfach, wie es einträglich ist: Vor den meisten Clips läuft ein Werbefilmchen. Dafür kassiert dann Youtube ein paar Cents Werbeeinnahmen. Diese teilt die von Google aufgekaufte Firma mit demjenigen, der das Video hochgeladen hat. Wie hoch die Beteiligung an den Einnahmen ist? Diese Zahl ist so gut behütet wie das Rezept von Coca Cola. Glaubt man den Gerüchten und dem, was im Internet kursiert: Um auf ein Einkommen von etwa 4.000 Euro zu kommen, sollten schon wenigstens 2.000.000 Klicks im Monat auf der Habenseite stehen. Scheint unmöglich? Da kommen unsere Longboarder ins Spiel, die munter zwischen Schiepzig und Sennewitz umherpushen und ihre Pension suchen.

Der Name Simon Unger wird euch sicherlich nicht viel sagen, falls ihr nicht seinen Kanal „ungefilmt“ verfolgt. Der passionierte Longboarder ist einer aus dieser besagten Crew, und glaubt man den oben genannten Zahlen, so ist er richtig gut im Geschäft. Sein Plan, von Sylt Richtung Süden startend, bis zum Schloss Neuschwanenstein auf dem Longboard zu fahren, ist für die Youtube User anscheinend extrem spannend. So spannend, dass täglich fast 200.000 Nutzer die Videos aufrufen, die Simon und Co. veröffentlichen. In der Summe dürfte die gesamte Reise auf sagenhafte 6.000.000 Abrufe kommen. Keine schlechte Ausbeute für Videos, deren Informationsgehalt knapp über der Inhaltsbeschreibung einer Energydrink-Dose liegen.

Aber darum geht es nicht. Die Jungs sind definitiv symphatisch; doch das allein kann eigentlich nicht der Schlüssel des Erfolgs sein. Und dieser Erfolg ist teuer erkauft. Denn ein normales Leben ist für die Youtube Stars kaum noch möglich. Egal wo sie sich zeigen, sofort stehen auch schon die mit Smartphone bewaffneten Fans bereit und wollen ein Foto oder ein Autogramm. Im Laufe dieser Tour wurde es so schlimm, dass der jeweilige Standort der vier geheim gehalten wurde, da die Pensionen oder Hotels schon morgens von Fans belagert wurden. Ein ganz normales Popstarleben halt…

 

Auch wenn das Gros der Longboardszene die Fahrtechnik belächelt, so muss man den Jungs zugutehalten, dass sie den Trip tatsächlich durchziehen, 1.200 Kilometer immerhin. Bedenkt man, dass die Jahreszeit keine gute Wahl ist, verdient die Leistung sogar noch mehr Respekt.

Zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses befand sich die Crew in der Gegend von Leipzig. Der wirklich bergige Teil der Tour kommt also noch, und es bleibt abzuwarten, wie alle Beteiligten diese Widrigkeiten meistern werden. Das Hinaufpushen ist ein Teil der Anforderung, die rasanten Abfahrten ein anderer. Hier stellt sich die Frage nach dem fahrerischen Können. Kritisch anzumerken ist, dass die Helme auf dem Rucksack festgeschnallt sind. Hin und wieder wird darauf hingewiesen, dass es nun mal Zeit wäre, den Helm aufzusetzen, aber in der Regel scheint er als Rückenprotektor zu dienen.

Im Verlauf der Recherche zu „Ungefilmt und Co.“ fiel uns auch noch ein weiterer Longboardkanal auf: „The World Riders“. 8.000 Abonnenten ziehen ihr Wissen aus diesem Kanal. Allerdings gab und gibt es starke Kritik an den gezeigten Inhalten. 8.000 klingt zunächst nicht viel, aber dies sind mehr Zuschauer als bei allen anderen relevanten deutschen Longboardkanälen, mit Ausnahme der beiden Onlineverkäufer Skatedeluxe und Titus, die mit knapp 24.000 beziehungsweise 28.000 Abonennten auf Youtube im deutschsprachigen Raum weit vorne liegen.

International liegen Loaded mit 170.000 Abonnenten und Rayne mit 50.000 vorne. Original toppt diese Anzahl mit immerhin über 700.000 Abonnenten, kommt aber nicht ansatzweise an „DNER“ heran, der über 1.200.000 regelmäßige Zuschauer hat. Eine Menge Zahlen, aber auch sehr interessante, wie wir finden. Um das Ganze nochmal zu verdeutlichen: Eine Szenegröße wie Alex Dehmel hat im Titus-Channel auf Youtube ein Tutorial zum Thema „How To Heelside Stand-Up“ veröffentlicht, und 2.939 Zuschauer wollten dies sehen. Zur selben Zeit hat ein gewisser Fabian (der uns als Szenemagazin komplett unbekannt ist) einen fünfzehnminütigen, sinnfreien Monolog über das „beste“ Longboard gehalten, was gleich 42.897 Leute angeschaut haben. Da stimmen die Relationen zum Fachwissen irgendwie nicht, wie wir finden.

Um herauszufinden, was die Faszination Youtube ausmacht, haben wir die Longboardtour-Crew getroffen. Dass wir dabei Felix aka „DNER“ mit dem Auto überfahren haben und er nur einen kleinen Kratzer abbekam, zeigt: Die Reise steht unter einem guten Stern und eigentlich verkörpern die Jungs, das was Longboarden ausmacht. Den Bericht dazu findet ihr in der nächsten Ausgabe.