Tunesien – eine Reise durch eine andere Welt

Tunesien – eine Reise durch eine andere Welt

Die Namen Dennis Crosby und Aaron Afrika sagen euch wahrscheinlich nichts. Es sind weder irgendwelche gesponserten Fahrer aus den USA, noch sind Youtubler, die ja gerne immer mal wieder längere Strecken hinter sich lassen. Bei Dennis und Aaron handelt es sich um zwei Extremsportler, die bereits mit dem Fahrrad quer durch Afrika gefahren sind. Der Plan den die beiden nun ins Auge gefaßt hatten, war ziemlich außergewöhnlich. Einmal durch Tunesien – mit dem Longboards.  Zum jetztigen Zeitpunkt wäre aus gründen der allgemeinen Gefahrenlage davon abzuraten –  2011 als sie den Trip gemacht haben, war die Situation noch nicht so gespannt.

Die Route sollte vom Flughafen Enfida über Gasfa, Tozur bis nach Kebili führen. 450 Kilometer durch ein Land, das, eingerahmt von Algerien und Libyen, seine Reize hat, aber für einen gewöhnlichen Europäer durchaus eine Herausforderung darstellt: Öde Wüste, staubtrockene Salzseen, Skorpione, Schlangen und an der Grenze zu Libyen – Alibabas Nachkommen, die Touristen gerne um den ein oder anderen Dinar erleichtern – und das sind längst nicht alle Argumente gegen einen solchen Trip. Soweit in den Südosten sollte die Reise aber gar nicht führen. Plant ihr mal eine ähnlichen REise ohne Afrikaerfahrung wie unsere beiden Rider, solltet ihr vielleicht mit einem etwas einfacherem Terrain anfangen, wie etwa Rhön oder Schwarzwald.

 

Hier ist ihr Reisebericht aus dem nordafrikanischen Land:

Am Flughafen
Tunesienreise Am Flughafen

 

Nach vier Stunden Flug über Berlin und Nürnberg sind wir endlich in Enfida angekommen. Die Boards und  Rucksäcke liegen auf dem Gepäckband und wir sind heiß darauf, über die tunesischen Straßen zu pushen. Apropos heiß – wir mussten zu unserem Bedauern feststellen, dass Tunesien eben doch nur 140 Kilometer Luftlinie von Europa entfernt ist und es bei unserer Ankunft eher kalt und windig als trocken und warm ist. Das soll uns aber nicht davon abhalten, die letzten Partynächte aus den Knochen zu pushen. Stirnlampen auf, Taxifahrer abschütteln und los geht die erste kleine Etappe. Nach nur zehn Minuten machen wir Bekanntschaft mit dem ersten tunesischen Polizeiwagen. Die beiden Polizisten belassen es dabei, lediglich das Blaulicht anzuwerfen und uns erstaunt zu betrachten. Na prima, das wäre ja auch ein super Einstieg gewesen.

 

 

Die Baumreihe nach dem Kreisverkehr am Flughafen dient uns als Zeltplatz. Die letzten Burger aus Deutschland schmecken kalt gar nicht so übel, es sollen die letzten für zwei Wochen sein.

Um 6 Uhr am nächsten Morgen brennen die ersten Sonnenstrahlen aufs Zelt. Die Kekse von der Tankstelle sind unser Frühstück. Danach geht es endlich richtig los – Tunesien, wir kommen…Nach rund zehn Kilometern machen wir die erste Pause. Brot mit Schmelzkäse, Kekse und Cola, Beine ausschütteln, zehn Minuten schlafen und weiter geht’s. Der Verkehr auf der Hauptstraße ist nichts für Menschen mit schwachen Nerven: Autos, Trucks, Gokarts, Quads, freilaufende Tiere, Fußgänger, Reisebusse, Motor-Rikschas, Pferde und Eselskutschen – jeder versucht, eine Lücke im Verkehr zu finden. Immerhin ist der Asphalt in Ordnung. Nach 60 Kilometern biegen wir in die ste nicht als Hauptstraße markierte Straße ein. Bis zu diesem Zeitpunkt war alles okay, aber jetzt sind unsere Boards wegen des schlechten Asphalts kaum zu kontrollieren. Flüche und kurz Ausraster folgen, wenn das Board wieder in eine völlig neue Richtung fährt. Wir quälen uns den kompletten restlichen Tag über diese Straße. Jeden bescheuerten Kilometer hoffen wir auf bessere Bedingungen für unsere Rollen, Kugellager und Achsen, aber die Hoffnung wird nicht erfüllt. Jeder, der mit seinem Board schon einmal auf schlechtem Belag gefahren ist, kennt das Gefühl, aber 85 Kilometer unter solchen Bedingungen sind schon krass.

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Eben diese 85 Kilometer später liegen wir in einer Obstbaumplantage mitten im Nirgendwo und genießen das Bellen der Hunde.
Wir stellen fest, dass sich die Landschaft langsam verändert. Bäume werden seltener, Büsche und Steine bestimmen nun den Horizont.

Immer wieder werden wir zum Mitfahren eingeladen, manche sehen uns mittlerweile zum zweiten oder dritten Mal, grüßen und winken uns zu. Die Tunesier sind sehr gastfreundlich und achten aufeinander, wenn auch das Benehmen im Straßenverkehr anderes vermuten lässt. Man macht sich Sorgen um die beiden Verrückten, die dort in der Mittagshitze durch die Wüste rollen.

Unsere Ernährung ist einseitig: Morgens, mittags und abends – Kekse. Alle Kombinationen sind schon durch, aber solange es Energie bringt, beschweren wir uns nicht. Das Aufstehen schmerzt von Mal zu Mal mehr. Blasen an den Füßen und Schmerzen in den Knien machen es schwer, sich zu motivieren. Aber als das Board wieder rollt, ist alles vergessen. Es geht nun nur noch um das Jetzt. Darum, die Straße zu nutzen, effektiv zu fahren und nebenbei die Landschaft zu genießen. Unsere Stimmung schwankt von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt.
Kinder, die am Straßenrand viele Kilometer zur Schule laufen, rennen mit uns und feuern uns an.

Es gibt so viele Sachen, die beachtet werden müssen. Liefert der Körper genug Energie? Funktioniert die innere Klimaanlage? Fehlt Wasser? Aus welcher Richtung kommt der Wind? Wo steht die Sonne? Wie ist der Straßenqualität?

Aber eins ist immer dasselbe: Jede Abfahrt wird gefeiert. Wenn kein Verkehr ist, können wir die ganze Breite der Straßen ausnutzen und den Fahrtwind genießen. Immer mehr, immer schneller – dann wieder ein Stein oder ein Loch im Boden, und sofort schießt das Adrenalin durch den Körper.
Der nächste Übernachtungsplatz wirkt absolut surreal. Er liegt zwischen zwei Berghängen mit spärlichem Baumwuchs. Der Platz ist durch aufwändige Steinwälle vor Erosion geschützt und wird mit Wasserkanälen versorgt. Den Sonnenuntergang können wir vom Gipfel aus beobachten und viele Kilometer weit die Landschaft bestaunen. Wir versuchen uns abzulenken, um mal an etwas anderes außer Boarden zu denken. Am nächsten Tag erreichen wir Gafsa. Endlich wieder eine größere Stadt. Wir suchen ein Hotel. Mal wieder duschen und die Batterien der Kameras aufladen. Wir rollen in die Stadt ein und werden wie Außerirdische betrachtet. Immer wieder brüllt jemand und winkt uns zu sich. Wir beziehen das erstbeste billige Hotelzimmer. Zwei Betten und eine Dusche mit fließendem warmem Wasser – was will man mehr?

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Der Blick vom Balkon geht über Palmen auf die Berge, die wir gerade hinter uns gelassen haben.  In Gafsa gibt es kein Internet, dafür warmes Essen und einen Supermarkt. Wir staunen über die für uns teils undefinierbaren Produkte. Chips und Kekse, das kennen und kaufen wir! Die Kakerlakenbevölkerung in unserem Zimmer stört mich weniger als die mörderischen Mücken, die nach meinem Blut lechzen. Also baue ich in der Nacht doch noch mein Zelt auf. Es fällt zwar immer schwerer, Luxus wie heiß duschen oder Strom hinter sich zu lassen, trotzdem fahren wir weiter. Wir pushen durch die Stadt und müssen ab und zu noch mal auf die Karte schauen, um unsere richtige Strecke zu finden. Außerhalb der Stadt geht es jetzt ziemlich schnell in eine sehr trockene Wüste über, bis zum nächsten Ort sind es rund 40 Kilometer. Wir nutzen jeden Schatten, die Mauern der Funktürme, die alle 20-30 Kilometer in der Landschaft stehen, sind ein guter Platz für Pausen. Die Hitze macht uns zu schaffen, aber wir kommen irgendwanndoch in Métlaoui an,  einer kleinen Stadt, deren einzige Attraktion die größte Phosphatmine Afrikas ist. Hier können wir noch einmal Wasser und Kekse kaufen, bevor wir den zweiten Abschnitt in Richtung Touzur in Angriff nehmen. Beim Verlassen der Stadt bietet sich ein eher entmutigendes Bild: Ein Sandsturm tobt vor uns, der Wind bläst uns ins Gesicht und der Straßenbelag ist unter aller Sau. Irgendwann geht uns das Wasser aus und selbst unsere Kekse werden knapp. Wir halten ein paar Autos an und betteln nach Wasser – mit Erfolg. Bald haben wir drei Liter salziges Leitungswasser und suchen uns etwas abseits der Straße einen Schlafplatz. Der Sturm lässt nach und eine angenehme Stille macht sich breit – was leider nicht lange anhält.

Mehrmals zwingt mich der Wind, in der Nacht aufzustehen, um das Zelt neu auszurichten. Wenn ich wieder reinkrieche, ist es voller Sand. An Schlaf ist nicht zu denken, und das Wasser schmeckt so salzig, dass mir davon fast schlecht wird.

 

Am nächsten Morgen kann ich fast wieder ein wenig lächeln: Der Wind hat gedreht und kommt jetzt aus Norden, das bedeutet Rückenwind für die nächste Etappe! Wir holen unsere Zeltplanen raus und verwenden sie als Segel.Funktioniert super und wir segeln für mehrere Stunden durch die Wüste. Die Straße ist zur Abwechslung mal wieder schlecht und streckenweise geht es sogar bergauf. Pushen müssen wir dank unserer Segel aber kein einziges Mal. Nur ein paar wenige Pausen sind nötig, um die Arme und Beine von der einseitigen Belastung auszuruhen. Irgendwann sind wir in Touzeur / Tunesien.Von hier aus sind es noch 80 Kilometer bis nach Kebili, dem Ziel unserer Reise, das auf der anderen Seite eines riesigen Salzsees liegt. Es ist ein beeindruckendes Bild: Bis zum Horizont erstreckt sich eine leere und trockene Landschaft. Keine Berge oder Hügel, es ist einfach nur flach. Wir fahren auf guter Oberfläche immer gerade aus. Plötzlich blockiert mein Brett. Es schießt nach hinten und holt Aaron vom Board. Ich kann mich gerade noch mit den Händen abstützen, aber der Rucksack knallt mit Schwung auf meinen Kopf und der genauso auf die Straße. Erst küsst der Helm den Asphalt, dann die Brille und anschließend mein Mund. Mir wird schwarz vor Augen. Mit einem Piepen in den Ohren komme ich wieder zu mir. Die Zähne schmerzen und ich schmecke Blut. Bestandsaufnahme: Ein tiefer Schnitt in der Lippe, ein paar Schürfwunden und ein völlig zerstörtes GoPro-Gehäuse. Warum ich gestürzt bin, weiß ich nicht, zum Glück ist nicht mehr passiert, also weiter geht es. Die Strecke durch den Salzsee ist gnadenlos. Gegenwind, bergauf und extrem heiß. Nach 60 Kilometern erreichen wir endlich das andere Ufer. Aber dort wo laut Karte ein Ort sein soll, ist … nichts. Das bedeutet für uns: kein Wasser, keine Kekse.Nun gut, wir bauen unser Zelt direkt auf einer Sanddüne im Windschatten eines Busches auf- Wir können über die Wüste schauen und der aufkommende Sandsturm fegt so nur wenige hundert Meter neben uns vorbei. Solche Momente geben einem alles zurück. Der Anblick dieser Naturgewalt lässt uns sämtliche Strapazen und Schmerzen vergessen.

 

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Am nächsten Tag sind es noch 25 Kilometer durch Tunesien bis zum Ziel.Unsere Kräfte sind am Ende, und wir sind völlig ausgetrocknet. So ziehen sich die letzten Kilometer wie Kaugummi. Am ersten Lebensmittelladen, den wir erreichen, lassen wir uns fallen, schnaufen und benötigen fast eine Stunde, um überhaupt wieder miteinander reden zu können. Trotz kaum noch vorhandener Kraftreserven wollen wir uns bis Kebili kämpfen. Wir wollen dem Albtraum endlich ein Ende machen. Der Wind bläst so stark, dass wir nur langsam vorankommen. Meine Verletzungen brennen wie Feuer, und als wir nach einer längeren Pause auf brechen wollen, muss Aaron sich übergeben.

Auweia, jetzt gilt es, die letzten Reserven zu mobilisieren. Nur noch 12 Kilometer, jeder kämpft für sich, nur nicht aufgeben, die Angebote vorbeifahrender Autofahrer ablehnen, das letzte Stück Tunesien erhobenen Hauptes bestreiten. Als wir am Abend völlig zerstört im Hotel liegen und wieder einmal Kekse in uns hineinstopfen, begreifen wir, dass gerade der wohl verrückteste Trip unseres Lebens zu Ende gegangen ist.

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