The „Don Quijote of Longboarding“ says Good bye – Michael Brooke

Michael Brooke

Ende April war es, als wir unsere Sommertour starteten und seitdem sind wir unterwegs gewesen. Kaum Internet, viel Skaten, eine Menge Wellen Surfen und vor allen Dingen, unzähligen Leuten den Spaß auf vier Rollen vermitteln. Diese Zeit haben wir auch genutzt um Luft zu schnappen und darüber nachzudenken, ob und wie wir das Magazin weiter betreiben. Wir haben das Pro und Contra abgewogen. Wenn wir die Arbeit einstellen wollten, dann wäre nun der Zeitpunkt gekommen. Die Zahl der Abonnenten ist nicht mehr ganz so hoch wie 2014, neue Möglichkeiten bieten sich uns an und überhaupt: „Who cares about Longboarding?“.

Michael Brooke sagte einmal zu mir: „Take the skateboard from my cold hands“. Er meinte damit, dass er erst mit dem Skateboarden und dem Publizieren aufhört, wenn er tot ist. In den letzten Wochen habe ich gemerkt, dass ich, genau wie er, nicht davon lassen kann. Kein besonderer Grund, einfach nur mit irgendwelchen Leuten oder auch guten neuen und alten Freunden abends zwei oder drei Stunden auf dem Board durch die Gegend fahren oder die Whitezu-Rampe surfskaten. Die Zeit in der ich mich mal nicht mit der grauen Theorie beschäftigen mußte, hat meinen Hunger auf die langen Bretter wieder geweckt. Lange Rede – kurzer Sinn: Weiter gehts mit der Herbstausgabe.

Aber was wollte ich eigentlich Schreiben? Achja, einen Nachruf. Sagt man das so, wenn jemand in Rente geht oder ist es eine Laudatio? Für mich fühlt es sich an wie eine Grabrede. Haltet ihr bis zum Ende durch, dann werdet ihr den Eindruck haben, dass das Wort Grabrede nicht unbedingt unpassend ist.

Wie auch immer, irgendwann im Juli klingelte abends mein Telefon via Facebook. Ein weit entfernter Michael Brooke war am anderen Ende zu hören. „Guten Abend Alex. How are you?“ Wie oft habe ich das in letzten Jahren gehört? Michael und ich sprachen beinahe jede Woche miteinander. Stundenlang redeten wir über das, was grade in der Longboardszene passierte, tauschten Ideen aus, schmiedeten Pläne für die nächste ISPO oder redeten einfach nur so privates Gedöns. Er ist einer der Leute die ich über das Longboard kennen und lieben gelernt hatte. Bereits vor fünf Jahren etwa haben wir die europäische Variante seines Magazins „Concrete Wave“ hier in Deutschland verlegt und waren für wenige Monate sein deutscher Arm. Er half mir bei „The lost History of Longboarding“ und war soetwas wie meine moralische Stütze, wenn wieder mal was komplett schief gelaufen war. Neben dem Magazin gründete er auch „Longboarding for Peace“. Ich erinnere mich, als er hier für einige Tage zu Besuch war. Die Tage vergingen in gefühlten Minuten. Gespräche bis in die Nacht.

Doch an diesem Abend im Juli 2018 sagte er nur „I am done“. Die Worte hörte ich, es fiel mir nur sehr schwer zu begreifen, was er meinte. Nach über 40 Jahren auf dem Skateboard und 16 (!) Jahren Magazin, gab er es auf professionell in dieser Branche zu arbeiten.

Meine Versuche, ihn umzustimmen schlugen fehl. „Age is just a number, Michael“. Doch ich wußte es lag nicht am Alter. Er hat sein Pulver verschossen. Als Publisher ist man auf den Support der Industrie angewiesen, in der man arbeitet. Und diese hat ihm in den letzten drei bis vier Jahren ziemlich hängen lassen. Leute die er am Anfang unterstützte und beriet. Gegen das Mobbing der recht konservativen Skateboardindustrie schützte und Berichte über sie brachte, als der Rest sie auslachte, weil sie sich Longboard auf die Fahnen schrieben. Wenn er vor jeder Ausgabe hunderte von Mails versendete und keine Antwort bekam, war dies der Normalzustand, den ja auch ich allzu gut kenne. Sogar während der Hochzeit des Longboardings auf der anderen Seite des Atlantiks war es kaum anders, mit dem Unterschied das die Anzeigengelder flossen. Gemeldet hatten sich dann die üblichen Verdächtigen und Freunde. So machte er sich auf den Weg zu den Firmen und sammelte Anzeigen, Berichte und Fotos ein und auf jeder Tradeshow war er Besucher und Berichterstatter.

Doch in den letzten zwei Jahren wurden selbst Telefone nicht mehr abgenommen und die Industrie begann den eigenen Mißerfolg auf Michael abzuwälzen. Das Magazin wäre grottig. Die Grafiken altbacken, die Webseite ein Skandal. Man kann sich immer über Qualität streiten, am Ende war sein Magazin doch eigentlich nur ein Spiegelbild der Industrie. Der Richtungswechsel, weg vom reinen Anzeigenblatt 2012/13, hin zu längeren Geschichten und Berichten aus der Szene, hatte kaum einen Effekt auf die Kritiker. Diese waren zum Teil Leute, die sich vor mehr als zehn Jahren von ihm beraten ließen und nun alles besser wußten und nicht sehr respektvoll mit ihm umgingen.

Seine „innere Kündigung“ hatte er wohl schon im Februar/März vollzogen. Auf der ISPO teilte er mir mit, dass „großes“ bevorstehen würde und ich mich entscheiden müsse, ob ich Teil davon werden wolle oder so wie bisher weitermachen wolle. Diese Art von Ankündigungen habe ich oft gehört. Von vielen Seiten mit unterschiedlichen Ansätzen. Alle sind gescheitert oder gar nicht erst gestartet worden. Wir erinnern uns an diverse Magazine, die in Deutschland herausgegeben werden sollten und dann allesamt jämmerlich gescheitert sind. An verschiedenste Communitys, die meist nur einen Sommer existierten. Ich erinnere mich an Rolligbrettl, Longboardism, Langbrettmagazin, Silverfish, s*Pin und so weiter und so fort. Einige gibt es noch, wenn auch nur noch im digitalen Nirvana oder in der Bedeutungslosigkeit. Viele mußten feststellen, das es einigermaßen läuft, wenn der Trend da ist, es aber zäh wird, wenn sich kaum eine Sau noch für die langen Bretter interessiert. Plötzlich war Longboard nicht mehr trendy und bei vielen fehlte die Motivation sich durchzubeißen. Andere fanden lukrativere Betätigungsfelder.

Mit Michael folgten noch ein paar Gespräche via Facebookphone, bis dann im April Sendepause war. Ein Grund für die Sendepause war auch die unterschiedliche Bewertung der Messen in Leipzig und München. Während ich logischerweise Pro-ISPO war, sah er einen anderen, seiner Ansicht nach besseren Ansatz in Leipzig. Meine grundlegende Kritik das bißchen wirtschaftliche Potenial, was in der Branche vorhanden war, auch noch zu teilen, sah er nicht. Am Ende ist genau das eingetroffen, was ich vorhergesagt hatte und ich habe das Gefühl, das dies Michaels letzten Hoffnungsschimmer vom Asphalt rammte..

Den nächsten Kontakt hatten wir erst wieder im Juli. „Ich trete ab, es ist Zeit Leuten Platz zu machen die 20 oder 30 Jahre jünger sind“.

Das sehe ich nicht so. Denn natürlich haben Leute mit 20 oder 25 Jahren mehr Dampf auf dem Kessel. Und sicherlich können die auch besser Skaten. Das kann wahrscheinlich in einem durchschnittlichen Skatepark dieser Republik jeder. Doch geht es beim Publizieren darum, wer wie gut auf dem Longboard unterwegs ist oder wer die lustigsten Grafiken auf Boards oder Häuserwände pinseln kann? Es sind soviele Dinge, die für das Herausgeben eines Magazins nötig sind. Es ist nicht mit einem fancy Layout oder einem jugendlichen Duktus getan. Verwaltungsaufgaben, Versand, stetige Recherche in allen Medien usw. sind die andere Seite. Und dann gibt es noch die weniger beachtete Seite. Deine Haut muß die Dicke eines gemeinen indischen Elefanten haben. Das kann man alles abfangen mit einer Vielzahl motivierter Mitarbeiter. Keiner kann alles alleine. Ich glaube hier ist des Pudels Kern. Denn eine Menge Mitarbeiter kosten eine Menge Geld. Und ein Skateboardmagazin ist in diesen Zeiten mehr als unterfinanziert. Es bedarf also einer Menge Opferbereitschaft in Sachen Zeit und Geld, um solch ein Magazin zu publizieren. Wenn diese Opferbereitschaft fehlt, dann fehlt der Hauptantrieb. Solange zumindestens das Geld stimmt, dann kann mich sich darauf besinnen seinen Job professionell und ohne Emotionen durchzuziehen. Fehlt das Geld, dann bleibt nur die Passion und der Spaß mit den Herstellern und Fahrern zu kommunizieren. Muß man aber um Kommunikation betteln, fängt irgendwann die Passion an zu bröckeln. Genau das dürfte passiert sein… Michael hat gutes Geld verdient. Bis Ende 2015 der völlige Einbruch der Branche kam.

Am Ende war ein einfacher Facebookpost mit knapp 60 Likes und 20 Kommentaren. Das war alles, was als Dank der Skateboardbranche nach 14 Jahren Magazin im sozialen Netzwerk passierte. Keine goldene Uhr, kein versilberter Bearing. Ende.

Michael wird diese Zeilen nicht lesen, denn alle Kontaktmöglichkeiten hat er abgebrochen.

Mit ihm ist die gute Seele des Longboards und ein Fixpunkt in den Staaten gegangen. Was macht aber jemand, der jahrzehntelang in der Skateboardbranche gearbeitet hat? Er arbeitet nun bei einem Leichenbestatter. Macht die Leichen schön. Böse gesprochen: Eigentlich hat er sich nicht groß verändert.

Ich radebreche mal in Englisch: „I will miss you my Friend. You Are like me. The Don Quichote of Longboarding.“