Stuntscooter in Skateshops? WTF?

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Stuntscooter? Echt jetzt? Will ich darüber was schreiben? Ich habe den Artikel eigentlich schon lange fertig – wollte aber nicht damit raus. Denn es wird keine netten Worte geben. Aber vielleicht darüber hinaus doch die ein oder andere Diskussion, die weit weg ist, von Facebook like „i wrote some badass things in the internet“

Heute morgen las ich einen Beitrag von Bud Stratford, einem ehemaligen Mitarbeiter des Concretewave Magazins. Er kommentierte einen Beitrag von Kevin Harris, der wiederum im Concretewave einen Artikel verfasst hatte. Bud hat mittlerweile einen eigenen Blog (Everything Skateboarding) und wollte in dem Kommentar nur mal klarstellen, dass Scooter nichts mit Skateboarden zu tun haben. So weit so gut.

400 Skateshops haben geschlossen

Aber über was reden wir? Kevin erwähnte in seinem Artikel, dass mittlerweile über 400 Skateshops in Kanada und den USA ihre Türen geschlossen haben. Die, die überlebt haben, haben sich angepaßt oder sie schützt noch ein dickes finanzielles Polster. Genauer betrachtet sind viele der Shops, die dichtgemacht haben, genau wie in Deutschland in den Jahren 2012/2012 eröffnet worden. Zu einer Zeit als das Longboarding explodierte. Die Core-Skateshops zogen damals ebenfalls langsam nach. Wenn sie den Fehler gemacht haben, nur auf Longboarding zu setzen – zahlten sie den Preis in den letzten Monaten. Denn ohne das Longboard-Publikum wurde es ruhig. Sehr ruhig. Nur der Gerichtsvollzieher schaute hin und wieder vorbei…

Shops, die über ein dickes finanzielles Polster verfügen, waren freier in der Gestaltung ihres Weges. Einige fokussieren sich auf das Skaten, mit dem sie vor dem Boom schon verbunden waren. Andere richteten ihr Engagement auf Fashion, um die hohe Kundenfluktuation einzudämmen.

Sie alle eint die nicht ganz unberechtigte Angst, dass wenn sie Scooter verkaufen, sie ihre Credibility verlieren. Wir wiederholen — und wir tauschen ein Wort aus. „Sie eint die nicht ganz unberechtige Angst, dass wenn sie Longboards verkaufen, sie ihre Credibility verlieren.“ Genau diese Worte habe ich 2012/2013 oft gehört. Am Ende wurden dann doch Longboards verkauft.

Gibt es Gemeinsamkeiten

Um es klarzustellen: Wir reden von zwei völlig unterschiedlichen Sachen. Beim Longboard handelt es sich um ein Produkt der riesigen Skateboardindustrie und ihrer eingespielten Vertriebswege. Firmen wie Arbor, Madrid, Santa Cruz, Globe haben schon immer auch Streetskateboards gebaut, bevor sie überhaupt das erste Longboard aus der Presse zogen. Aber könnt ihr euch vorstellen, dass die irgendwann einmal Scooter produzieren??

Scooter und Long- oder Skateboard haben tatsächlich nur sehr wenige Berührungspunkte. Da sind zum einen die Skateparks. Hier gibt es tagtäglich Diskussionen, Streitereien und Rivalitäten. In einigen Skateparks haben die Scooter bereits die Überhand. Als Longboarder interessiert uns das nur am Rande. Der wohl aber größte Berührungspunkt sind die potentiellen Kunden. Hier wird es dann schmerzhaft.

Bei aller Historienverliebtheit, wo das Scooterding herkommt und wo es hinwill, ich habe keine Ahnung. Will ich auch gar nicht. Doch ich sehe Shopinhaber, die Angst um ihre Existenz haben und überlegen… „Soll ich Scooter verkaufen oder nicht?“

Stuntscooter in Skateshops?

Mein Rat wäre: Verkauft Scooter, wenn ihr denkt, dass ihr damit überleben könnt. Wenn ihr ohnehin nichts zu verlieren habt und jedes zweite Kid, das reinkommt, nach Scootern fragt. Positioniert euch als Sportgeschäft, wenn ihr denkt, es rettet euren Shop. Bedenkt aber auch eines: Ein bißchen schwanger geht nicht. Dieses Rolldings ist richtig komplex. Es gibt Roller, die kosten 500 Euro oder mehr. Die Ersatzteile, CNC gefräst und aus Hightechmaterial sind unglaublich teuer. Um das alles zu verstehen muß man ganz tief in diese Szene eintauchen. Wollt ihr das? Wollt ihr wirklich über Handle Bars, Pegs und Clamps diskutieren? Es wird nicht funktionieren – für uns jedenfalls nicht. Also bleibt euch nur die Möglichkeit „Completes“ zu verticken. Lockt die Kids damit in den Laden und dann hämmert ihnen ein, dass Longboard oder Skateboard der heiße Scheiß ist. Gebt kostenlose Kurse. Macht sie abhängig von dem Sport der uns so viel bedeutet. Denn sie werden diese Roller sowieso kaufen und wir müssen den Kontakt zu dieser Generation sicherstellen.

„Scooter werden wir nicht wegdiskutieren, aber wir können aufklären.“

Das erste Mal, das ich Stuntscooter bewußt wahrgenommen habe, war vor etwa 4 Jahren auf einer Messe in Berlin. Unser Standnachbar zündete Scooter (ich glaube es war MGP) und da waren viele Kids, die diese Teile auch ziemlich gut beherrschten. Einen genaueren Blick habe ich nicht drauf geworfen. Während das Longboard in den Folgejahren diesen Rausch erlebte, traf ich den guten Mann hin und wieder auf diversen Events. Das Zelt ein wenig größer, die Anzahl der Kids zunehmend. Organisches Wachstum. Zur gleichen Zeit dominierte das Longboard jedes Event und schien von Jahr zu Jahr doppelt so groß zu werden. Auf Veranstaltungen versorgten 6-7 Shops die Kids mit allerlei Boards verschiedener Qualitäten. Die Boards einiger Marken waren sogar lange ausverkauft. Unge sorgte mit der Longboardtour für den Climax. Und was machen wir nach dem Climax? Richtig, rauchen oder schlafen…. ja, mal richtig ausschlafen. Vielleicht auch mal ein Jahrzehnt?

Eine Dekade bubu

Für die Skateboardindustrie war es nur eines dieser Hochs. So wie alle 10 Jahre, wenn jemand das Surfen auf dem Asphalt für cool erklärte. Die Gesetzmäßigkeiten und Routinen griffen. Alte Klischees wurden gezündet. Die alten Recken tauchten auf, ergraut und mit den üblichen Sprüchen. Wohl wissend, dass man nur 3-4 Sommer tanzen würde, bevor man sich wieder in sein Core-Schlupfloch zurückzieht. Nachhaltigkeit ist kein großes Thema gewesen. Es schien, als ging für einige darum, die 10-Jahre-Prämie zu kassieren. Hier wäre vielleicht ein Lösungsansatz:. Die Strategie überdenken, die seit 50 Jahren immer wieder die gleiche ist, um nach eben diesen 3-4 Jahren in einem überraschten „oh das war es schon?“ zu enden.

Und die Scooter? Langsam, ganz langsam – ohne von irgendeiner bestehenden Industrie und ihren Meinungsmachern wie Ikarus in die Luft geschossen zu werden – entwickelte sich der Zweiradroller und sein Einfluß immer weiter. Nicht zu stoppen. Nicht von uns, nicht von der Skateboardindustrie. Es scheint als wenn die Kids diktieren was cool ist und nicht andere Leute für sie entscheiden.

Evolution

Evolution – Darwin war es, der gesagt hat. Nicht die Stärkeren überleben, sondern die die sich am besten anpassen können. In den letzten Jahren haben wir mit dem Pumptrack und der Whitezu das Land bereist. Unser Ansinnen: Longboards pushen. Durch einen Zufall sind wir auf Hudora gestoßen, die uns einen Haufen Longboards stellten, um sie auf dem Pumptrack massakrieren zu lassen und auch etwa 15 Stuntscooter, die wir neben den Pumptrack stellten, ohne sie groß zu bewerben. Das Ergebnis: Ein riesiger Haufen unbenutzter Longboards – und Kids/Eltern die sich um die Scooter prügelten. Und obwohl wir neben Hudora auch Boards aller großen und kleinen Hersteller dabei hatten, Longboardschulungen vor Ort hielten… die Scooter waren es, die wie eine nie endende Regionalbahn vor unseren Augen auf dem Pumptrack die Runde drehten. Als dann die ersten Kids mit dem Scooter auf die Whitezu fuhren, wurden wir laut. Da kommt mir das Bild von dem Pferd in den Sinn, das versucht die Fliegen zu verscheuchen, die es sich auf ihm gemütlich machen.

Was machen wir als Publisher (dem Scooter egal sind) aus dieser Situation? Es wäre ein leichtes, ein Scootermagazin herauszugeben. Ein paar Hersteller anschreiben. Anzeigen einsammeln. Ein paar Meinungsmacher aus der Szene interviewen. Fotos posten. Bam fertig ist das Magazin. Laßt uns mal gemeinsam überlegen ob wir das wollen. Ööööh nein, wollen wir nicht.

Verdammt der Gerichtsvollzieher klingelt…