Speedwobble

Speedwobble

Speedwobblen wird von den meisten Fahrern auf das Material geschoben. Theoretisch kann er euch schon bei 20 Stundenkilomtern heimsuchen, in der Regel trifft er einen aber in einem Geschwindigkeitsbereich an, der wesentlich höher liegt. Und je höher die Geschwindigkeit, desto höher ist auch die Verletzungsgefahr.

Meine erste Begegnung damit hatte ich ausgerechnet bei meinem ersten Ritt auf einem Longboard. Ich war mit einem Freund unterwegs, der eine ziemlich kurz geratenes Brett dabei hatte. Da für mich damals Longboarden und Downhill ein und dasselbe waren, nahm ich mir das Ding und stürzte mich den nächstbesten Hügel hinunter. Anfangs lief es ganz gut, ich fuhr ein paar Kurven und fühlte mich, als hätte ich alles unter Kontrolle. Je schneller ich wurde, umso mehr kleine Wackler hatte das Brett wenn ich mich in eine Kurve legte. Von einer Fußbremse hatte ich noch nie gehört, also beschloss ich, die letzten 20 Meter geradeaus zu fahren. „Danach geht es bergauf, da wirst du eh langsamer“, dachte ich mir. Wären es an diesem Tag 25 Meter gewesen, hätte ich den Rest wahrscheinlich damit verbracht, über die ökonomische Verwendung von Verbandsmaterial nachzudenken, denn ohne die Kurven stieg meine Geschwindigkeit rasch an und ich überschritt eine unsichtbare Grenze: Ohne dass ich irgendetwas tun konnte, entwickelte das Brett unter meinen Füßen ein Eigenleben und fing an, zu flattern – Speedwobble. Ich konnte wenig tun, hatte aber, wie gesagt Glück. Wenige Sekunden und ein paar Stoßgebete später hatte ich die Talsohle durchfahren und rollte bergauf, das Biest in dem Brett hatte sich wieder beruhigt.

Die Geschichte der Wobbles

Die ersten Wobbles traten aber nicht bei Motorrädern auf, sondern am Ende des 19. Jahrhunderts im Bereich der Lokomotiven. Angetrieben durch immer bessere Systeme war die Mechanik nicht mehr in der Lage die erreichten Geschwindigkeiten zu meistern. Erst mit der Erfindung von Federungen für die Trucks wurde die Gefahrensituation entschärft und machten die heutigen Hochgeschwindigkeitszüge möglich. Das Einbauen von Highendfederungen in Skateboards wäre wohl ein wenig übertrieben, wenn auch technisch machbar. Der französische Hersteller Flexboardz hatte einen solchen Ansatz verfolgt und eine Einzelradaufhängung erfunden, die das Aufschaukeln absorbiert.

Was ist Speedwobble?

Ein wenig Wissenschaft ist nötig, um zu verstehen, was Speedwobble eigentlich sind: Die Bewegungen – also das immer schnellere Wackeln von links nach rechts, sind in den Augen eines Physikers nichts anderes, als Schwingungen – das Brett und der Fahrer sind ein sogenanntes schwingungsfähiges System. Normalerweise nimmt die Schwingung innerhalb eines solchen Systems ab, solange keine weitere Energie zugeführt wird: Eine Schaukel – auch ein schwingungsfähiges System – wird mit der Zeit immer langsamer und bleibt stehen, da die Schwerkraft die Schaukel abbremst. Der Physiker würde sagen, die Schwerkraft dämpft die Schwingung der Schaukel. Sitzt aber auf der Schaukel eine Person, die im richtigen Rhythmus mitschwingt, wickelt er sich theoretisch irgendwann um den Balken, an dem die Schaukel hängt.
Dieser „richtige“ Rhythmus heißt in der Physik Resonanz, und genau die ist es, die zu Speedwobble führt. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit reicht ein minimales Wackeln auf dem Brett und das Übel nimmt seinen Lauf: Die Achsen beginnen zu flattern und das Brett wird durch das immer stärkere Wippen nach links und rechts unkontrollierbar. Die Energie dafür zieht der Wobble aus der Geschwindigkeit. Da es aber bergab geht, werdet ihr leider nicht langsamer. Aber nicht nur das: Das schlimmste an der Resonanz ist, dass jede seitliche Neigung des Brettes stärker ist als die vorhergehende – wenn man nichts unternimmt gibt es einen Gratisflug.

Achtung: Das Monster kommt von hinten

Aus eigener Erfahrung und aus Berichten vieler Fahrer drängt sich der Eindruck auf, dass Speed Wobble an der hinteren Achse beginnen und diese am stärksten ausschlägt. Das hängt mit dem sogenannten Trail zusammen. Der Begriff stammt aus der Zweiradmechanik. Er bezeichnet die Abstand zwischen dem Auflagepunkt eurer Rolle und dem Punkt, an dem die Kingpin den Boden berühren würde, würde man sie verlängern. Liegt dieser letzte Punkt in Fahrtrichtung vor der Rolle, spricht man von positivem, liegt er dahinter von negativem Trail. Bei einem Longboard mit zwei Reverse-Kingpin-Achsen hat die vordere Achse einen positiven, die hintere einen negativen Trail. Ein positiver Trail ist stabiler als ein negativer, da die Rolle „gezogen“ wird, während sie beim negativen Trail „geschoben“wird. Das leuchtet sofort ein, stellt man sich die Rollen bei einem Einkaufswagen vor: Die können sich um 360 Grad drehen und suchen sich selbst ihre stabilste Position: Sie richten sich immer so aus, dass sie ihrer Aufhängung hinterher laufen, also einen positiven Trail haben.

Das Mitlenken der hinteren Achse bei einem Longboard trägt ebenfalls zur Instabilität im Heck bei: Dadurch verkleinert die Hinterachse den Kurvenradius, wodurch große Kräfte auf sie wirken. Das führt dazu, dass die Achse, sobald sie kurz vor ihrem Einlenklimit steht, in die entgegengesetzte Richtung lenkt. Ein Impuls auf die Hintersachse bewirkt also zwei Beschleunigungen: Einmal in die gewollte Richtung und anschließend mit Schwung zurück.

Vorbeugende Maßnahmen

Es gibt eine Reihe von Möglihckeiten, ein Brett weniger anfällig für Speed Wobble zu machen:

Achsabstand

Je höher die Achsen auseinander sind, umso größer ist der Radius in den Kurven. Andersherum kann man umso engere Kurven fahren, je enger die Achsen aneinander sind. Aus einem kleineren Kurvenradius resultiert eine höhere Instabilität: Die Geschwindigkeit, ab der euer Brett Speed Wobble bekommt, ist umso geringer, je näher die Achsen beieinander sind.

schräge Riserpads

Durch sie könnt ihr den Trail erhöhen, was ebenfalls stabilisierend wirkt.
härtere Bushings

Zu sagen, lockere Achsen verursachen das Aufschaukeln, ist nur ein Teil der Wahrheit: Es ist vielmehr die Kombination aus einer bestimmten Geschwindigkeit, den Lenkeigenschaften des Brettes und dem Können des Fahrers. Trotzdem sorgen härtere Bushings erstens für eine bessere Dämpfung und zweitens könnt ihr dann nicht mehr so enge Kurven fahren. Beides macht Speed Wobble unwahrscheinlicher. Weichere Bushings dämpfen nicht nur weniger und ermöglichen einen engeren Kurvenradius, sie lassen auch eine stärkere Seitenneigung zu, wodurch der Rebound bei den Speedwobble heftiger wird.
Breitere Achsen

Breite Achsen bieten mehr Stabilität, da sich mit ihnen der Kurvenradius vergrößert.

 

Standard/Reverse Kingpin Kombination

Neil Carver von Carver Skateboards in Kalifornien beschrieb einmal, wie er Speedwobble entgegen wirkt: Er montiert auf sein Brett vorne eine Reverse Kingpin Achse und hinten eine Skatboardachse mit Standard-Kingpin. Der Vorteil: Vorne sowie hinten hat er dadurch einen positiven Trail. Durch den größeren Winkel den eine Reverse Kingpin Achse im Vergleich zu einer Achse mit Standard Kingpin hat, ist sie weicher und manövrierfähiger. Bei so einem Setup lenkt man also vor allem mit der Vorderachse, während die Hinterachse stabil bleibt. Der Nachteil: Das Setup ist nur in eine Richtung befahrbar. Fahrt ihr es anders herum, lenkt Ihr mit der hinteren Achse, was sehr instabil ist.

Was tun wenn es soweit ist

Das wichtigste, wenn das Brett anfängt bedrohlich zu wackeln, ist, dass der Fahrer cool bleibt. Natürlich ist es nicht einfach ruhig zu bleiben, wenn man nicht weiß was passiert. Deswegen: Seid euch eurer Grenzen bewusst. Umso geübter ein Fahrer ist, desto schneller kann er fahren, ohne Speedwobble zu kriegen (Das hängt mit der Muskulatur zusammen, die sich erst mit Training ausbildet. Wer sicher auf einer Slackline stehen kann, sollte nur mal an seine ersten Versuche zurück denken). Erwischt man bei hohen Geschwindigkeiten ein Loch oder sehr schlechten Asphalt, kann die größte Erfahrung manchmal nicht mehr helfen, aber vielleicht eine der folgenden Ratschläge.

Langsam nach vorne lehnen:

Ruckartige Bewegungen verschlimmern nur alles, also das Gewicht langsam und kontrolliert über die vordere Achse bringen. Dadurch geht der Schwerpunkt nach vorne und leicht nach unten. Da der Fahrer Teil des Brettes ist, bewirkt das einen Trail-Effekt bei der die hintere Achse weiter vom Schwerpunkt entfernt ist als die Vordere. Das zusätzliche Gewicht auf der Vorderachse dämpft die Schwingung.

Eine Kurve fahren:

Das bedarf wohl der größten Cojones: Ihr zwängt damit dem Brett euren Willen auf und versucht, die Schwingungen dadurch zu unterbinden, was bei ungeübten Fahrern möglicherweise zu einem Sturz führt, da ihnen schlicht und ergreifend die Erfahrung fehlt.

 

Text: Alex Lenz/Michael Mommertz