Skate & Hate

Skate & Hate? Was man nicht alles so findet… Beim jährlichen Check des Archives ist uns die Ausgabe Fünf des 40inch Longboardmagazins in die Hände gefallen. Dort hatte Björn Hekmati einen Artikel über Skate & Hate verfasst.

Genaugenommen tat er dies am 14. Januar 2013, der Text ist allerdings immer noch aktuell. Viel Spaß damit!

 

SKATE & HATE

Neulich stehe ich mit meinem Partner Stefan bei uns im :: asphaltinstrumente :: Skateshop.

Wir haben uns im neuen Jahr noch nicht gesehen, und deshalb frage ich ihn, was er denn wohl vom kommenden Jahr 2013 so erwartet. Natürlich reden wir dann auch in der Folge übers Geschäft, über unseren neuen Laden, die Werkstatt, und was wir in Zukunft so verkaufen können und wollen. Das übliche Tagesgeschäft halt, aber an einer Stelle merke ich auf: Und zwar erwartet Stefan, dass der Longboardmarkt im neuen Jahr weiter stark wachsen wird, und dass das „Gehate“ dabei erheblich zunehmen wird. Er meint damit einerseits, dass sich Skater und Longboarder stärker voneinander abgrenzen werden, als das ohnehin schon der Fall ist. Und dass nicht nur die Haltung der Skater gegenüber den Longboardern immer ablehnender wird, sondern auch jene der „echten“ Longboarder gegenüber den „Trendopfern“ – so lautet Stefans Prognose. Dafür gibt es ja bestimmt eine Reihe von Hinweisen, und wir diskutieren kurz die einschlägigen Positionen und Diskurse zum Thema, mit denen ich aber an dieser Stelle nicht langweilen will. Am Ende erkläre ich ihm, dass ich ganz grundsätzlich nicht verstehe, warum die Frage, wer nun Longboard oder Skateboard fährt (oder trägt), irgendeine Bedeutung für meine Einstellung zum Sport haben soll, und worin da das Problem für offenbar so viele Leute liegt.

„Björn“, sagt er darauf hin, „du bist 36 Jahre alt, hast Job, Frau und Kind, du suchst nicht mehr nach einer Identität“. Das hat gesessen, darüber hab ich seither ein bisschen nachgedacht.

Wie geht diese krude Denke, die sich an „Hipster-Rich-Kids“ stört, die ein Longboard kaufen, und so auf oberflächliche Art einen gewissen Lifestyle anzunehmen vermeinen? Was genau befeuert das „Gehate“ gegenüber unbedarften Neulingen in der Szene? Was meint Stefan überhaupt mit „Identität“?

Also: Nehmen wir mal an, da ist so ein gestandener, „echter“ Longboarder, nennen wir ihn Jürgen. Er fährt schon seit einigen Jahren, hat mehrere fahrbereite Bretter im Rack, kennt sich in der Szene aus, kennt sogar ein paar „gesponsorte pro-Rider“ persönlich (!) und kann trefflich über Decks, Achsen, Rollen und so weiter fachsimpeln. Jürgen hat schon das ein oder andere Event besucht und schaut sich systematisch die neuesten einschlägigen Videos zum Longboarden im Netz an. Er bezeichnet sich als Longboarder und fühlt sich als solcher sauwohl, weil er damit einer Gruppe zugehörig ist, die nicht „Mainstream“ ist, die sich vielmehr davon deutlich absetzt und einen sehr spezifischen Lebensstil pflegt – vielleicht bis hin zum Musikgeschmack. Jürgen ist ein Longboarder im besten Sinne einer Subkultur. Wer ihn mit seinem Brett durch die Stadt shredden sieht, denkt vielleicht „wow, was für ein cooler Typ!“ – oder vielleicht auch nicht, wer weiß das schon, auf jeden Fall interpretiert Jürgen die Blicke so, die er ohne Zweifel auf sich zieht.

Jürgen stört es nun also ungemein, dass sich neuerdings unglaublich viele Leute Longboards kaufen, die aber wirklich von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, die sich ohne Helm an „geheimen“ Spots filmen und das auch publik machen (wer das tut, gehört nicht „Gehatet“, der gehört verdammt noch mal aufgeklärt, und zwar ganz ruhig und sachlich, weiß er es doch einfach nicht besser…), und die im Stadtbild ihr Sportgerät als Accessoire missbrauchen. Denn diese Leute werden von der Allgemeinheit genau wie Jürgen als Longboarder wahrgenommen, und das verwischt nun die Definition der Gruppe bzw. des Lebensstils, der damit verbunden ist, und dem Jürgen sich so gerne zugehörig fühlte. So ein Longboard hat ja jetzt fast jeder, ähnlich wie vor einigen Jahren eine Slackline, oder noch davor Inline-Skates. Das ist nun wirklich nichts Besonderes mehr. Wenn als Longboarder jetzt also einfach jeder gelten kann, der mit einem teuren Brett unter dem Arm durch die Stadt schlurft, dann will Jürgen eigentlich nicht mehr dazu gehören. Sein Traum wäre es, für alle sichtbar etwas total Abgefahrenes zu tun, was zwar jeder saucool findet, was aber kaum jemand nachmacht, weil eben nur Typen wie Jürgen so…? Ja, was eigentlich?

Was genau ist denn nun so verwerflich daran, Longboarding als Trend zu verstehen, und den halt mal einfach so auszuprobieren, wenn man es sich leisten kann?

Na klar, ein Wachstum des Marktes bewirkt unter anderem, dass sich „Longboarder sein“ nicht mehr zur Abgrenzung von anderen eignet, dass der Lebensstil, der vielleicht mal damit verbunden war, verwässert wird und dass dessen Wahrnehmung durch die Allgemeinheit sich verändert. Longboarder tauchen in der Werbung auf, die großen Marken versuchen, sich mit der „Hipness“ des Trends zu bemänteln (siehe z.B. Opel „ADAM“ in der niederländischen Fernsehwerbung). Haben wir alles schon gesehen, jedwedem jungen Trend widerfährt diese anbiedernde Adaption durch abgeklärte Marketing-Strategen. Jürgen, dem das wirklich ganz hart auf den Sack geht, begeht aber einen aus meiner Sicht krassen Denkfehler: Wirft er den „Hipstern“ vor, sich für Geld in einen Stil einkaufen zu wollen, ohne „real“ zu sein, dann bezichtigt er sie doch letztlich einer Handlungsweise, der er selber mit all seiner gewollten Coolness überhaupt erst Vorschub geleistet hat. Oder nicht? Wen die Vernichtung der Randgruppendefinition durch die massenhafte Verbreitung seines Sports oder Lebensstils persönlich stört, der hat sich doch einst selber mit dem Erwerb eines Boards in diese Gruppe eingekauft, oder er definiert sich zumindest doch selber über ein Ding, ein Objekt. Die Hipness einer Trendsportart – solange sie eine solche bleibt, speist sich doch überhaupt erst aus dem Selbstverständnis ihrer Anhänger. Sonst könnte Opel sein neues Auto ja auch mit Nordic Walking „labeln“. Jürgen also fühlt sich in seinem Selbstverständnis beschnitten. Das lässt aus meiner Sicht, und wie Stefan mir ja auf seine lakonisch treffende Weise erklärt hat, auf die orientierungslose Suche einer spezifischen Gruppe nach einer eigenen Identität schließen. Und die erkenne ja auch ich wieder, wenn ich mal schonungslos selbstehrlich meine eigenen Kaufentscheidungen reflektiere.

Aber was Du bist oder sein willst, kann Dir doch keiner nehmen, bloß weil er dich schlecht kopiert, das kann ich als Teil von Olson&Hekmati mit Sicherheit sagen. Ein befreundeter Künstler sagte einmal zu mir, es ginge ihm gehörig auf die Eier, das sich große Teile der Gesellschaft mehrheitlich über das definierten, was sie täten, statt über das, was sie tatsächlich seien. Vielleicht ist das ja aber eine Grundbedingung unserer Gesellschaftsform besonders in Hinsicht auf ihrer wirtschaftliche Verfasstheit. Die freie Suche nach einer eigenen Identität sei doch bitte jedem gegönnt, und wer die – privilegiert vielleicht durch einen gewissen familiären Hintergrund – durch kostspieliges, oberflächliches Mitschwimmen im jeweils aktuellen Trend durchführt, hat dafür noch kein „Gehate“ verdient. Das macht doch – im Rahmen seiner Möglichkeiten – fast jeder in einer gewissen Altersklasse so, und wo ist denn der Schaden dabei? Dächten Stacy Peralta oder Chris Chaput in dieser Manier, was dächten sie dann wohl von uns?

Wenn Du das mit dem Longboarden wirklich ernst meinst, dann freu dich doch einfach, wenn auf einmal alle dabei sein wollen. Erstens ist das gut fürs Vereinswesen, und damit für Events und die Rennszene (engagier´ dich mal!), zweitens erweitert das den Markt und damit das Angebot an Material, und drittens geht das ja erfahrungsgemäß (leider) auch wieder vorbei – und wirst du dann immer noch dabei sein?

Stefan hat recht, ich habe leicht reden, denn ich bin 36, habe Job, Frau und Kind, und brauche die Zugehörigkeit zu einer coolen Randgruppe nicht mehr zu meinem Glück, im Gegenteil… Ich habe mich ein Stück weit gefunden und versuche, mein Selbstverständnis nicht vom Handeln anderer abhängig zu machen. Ich cruise auf sündhaft teuren CNC-Achsen gemütlich durch die Stadt, und werde von Dir trotzdem nicht als „Poser“ gebrandmarkt. Und wenn doch? – Na, wer liest denn hier gerade wessen Text?

 

 

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