Nomen est Omen – Legende Longboards

Legende Longboards!
Wer sich seiner Firma diesen Namen verpaßt, der muß entweder abgehoben sein oder ihm ist nicht besseres eingefallen. Bei Martin Alexandre ist es definitv keines von beiden. Seine Boards sind schon jetzt Legenden.

Ich hasse Dinge, die ich nicht verstehe. Und noch mehr hasse ich es, wenn jemand ein Geheimnis nicht lüften will. Auf der ISPO kam ich in diese Situation. Am Stand von Martin Alexandre hingen Achsen an der Wand. Auf Nachfrage, was dies jetzt sei, erhielt ich eine ausweichende Antwort. So versuchte ich mein Glück morgens beim Aufbau und abends vor Feierabend, bei den Partys oder beim Essen. No way! Er schweigt wie ein Grab. Ok, sei ihm verziehen, denn neben den Achsen ließ uns Alex am Bau eines Boards teilhaben. Kein großes Ding, schließlich haben wir ja schon alles gesehen – dachten wir. Aber hinter Alex seiner Bauweise steckt soviel Handwerkskunst, wie sie – ich behaupte einfach mal – wie sie niemand, weltweit in seine Boards steckt. Aus einem groben Stück Holz fertigt er ein Rollbrett. Wir erinnern uns an Dan Dengler, der ebenfalls Boards aus Rohholz herstellte. Mit der Motorsäge bearbeitet, war der Ansatz ein anderer. Die Werkstücke waren relativ simpel, ohne Konkave oder ähnliche Verformungen. Das Arbeiten mit Rohholz läßt andere Dinge nicht zu… denkt man. Aber erstens kommt es anders, als zweitens wie man denkt. Die Geschichte von Alex ist in jedem Fall bemerkenswert.

Ich bin jetzt 30 Jahre alt und in Annecy, Frankreich geboren. Mit dem Skaten habe ich erst mit 15 Jahren angefangen, nachdem ich auf einer Klassenreise in Boston war. Zum Downhill bin ich 2004 gekommen, als wir wir mit vier Freunden auf einem zehn Kilometer langen Sport fuhren. Leider hatten wir nur ein Longboard und drei Streetskateboards dabei. Protektoren gab es für eine Person, also teilten wir und ich ergatterte einen Ellenbogen- und einen Knieschützer. Zu dieser Zeit war das Dropfooting recht populär. Unter anderem war es Martin Siegrist aus der Schweiz, der diese Variante des Bremsens perfektionierte. Im Gegensatz zur regulären Fußbremse wird nicht der hinterere, sondern der Vordere Fuß zum Bremsen genutzt. Bei hohen Geschwindigkeiten, ist dies ein Balanceakt sondergleichen. Mittlerweile ist diese Art des Bremsens bei den Aktiven kaum noch zu sehen. Es kam, wie es kommen mußte und ich packte mich ab, womit mir klar wurde, dass ich zwei Sachen dringend brauchte: Ein Longboard und gute Protektoren. Ohne Helm läuft es nun mal nicht und seitdem benutze ich ausschließlich Motorradhelme für den Downhillsport. Mein erstes Board baute ich mit meinem Vater aus einem Stück Eiche. Montiert habe ich meine Streetskatetrucks und Rollen. Griptape? Man ist ja kreativ und Sandpapier geht ja auch – dachte ich. Doch schon nach kurzer Zeit fühlte sich mein Ersatzgriptape genauso glatt wie das Holz an, auf das es gepappt wurde.

Der Traum von mir und einem Kumpel war es ein richtiges Longboard zu besitzen. So eines wie Sector9 oder SC8 (ehemalige französische Kultmarke) sie herstellen. Doch das Geld reichte nicht und so begannen wir unser erstes richtiges Deck zu bauen. Und siehe da, das war gar nicht so schlecht und mit wachsender Erfahrung fanden wir unsere Boards sogar besser als die berühmten „Originale. Zudem haben wir sie natürlich auch extra für uns gebaut, was es gleich wertvoller machte.

Nach meinem Studium als technischer Zeichner zog ich nach Briancon an den Rand der westlichen Alpen. Mein Ziel war es Col d‘ lzoard zu bomben. Die Strecke, auf der die europäischen Downhillmeisterschaften ausgetragen wurde, sollte mein zweites zuhause werden. Ob ihr es glaubt oder nicht, sobald die Strecke schneefrei war, fuhr ich sie jeden Tag. Dummerweise ist schneefrei nicht wie in Resteuropa zehn Monate im Jahr, sondern nur etwa sechs.

Immerhin schaffte ich es Lzoard Dreihundertmal hinunterzufahren. Ich lernte 2008/09 wirklich schnell zu fahren. Hundert Stundenkilometer in der Spitze war mit entsprechender Ausrüstung inklusive eines Lederkombis die „normale“ Geschwindigkeit. Eigentlich ein Traum jedes Downhillskaters, wurde es mein Traum auch an anderen Spots zu fahren. Aber ich liebe es einmal im Jahr eine Art „Memory Ride“ zu fahren, genauso wie ich es liebe ganz im Süden unterwegs zu sein, dort wo die französischen Alpen anfangen.

2008 begegnete ich an meinem „homespot“ einem Downhillskater, der sehr spezielle Achsen an sein Deck geschraubt hatte. Ich testete die Trucks und sie waren eine Offenbarung. Der Dude wurde mein Freund und wir versuchten diese zu verbessern. Er war Techniker und gab seine Erfahrungen weiter. Doch die Achsen waren, technisch gesehen, sehr kompliziert aufgebaut und das Konzept schwer zu verstehen.

Auf engen Straßen nicht nutzbar, nicht unbedingt das was man als haltbar oder widerstandsfähig bezeichnen konnten, bescherten sie mir trotzdem ein unglaubliches Gefühl auf der Straße. Am Ende gaben wir es auf und bis zum Bau eines Prototyps 2015, blieben sie eine diffuse Skizze auf dem Rechner.

Bis 2012 gehörte ich wohl jenem elitären Kreis von „Hardcore Downhillskatern“ an, dem ich aber 2013 den Rücken zuwandte, um einer neuen Leidenschaft nachzugehen. Für zwei oder drei Jahre entdeckte ich die Musik für mich und skatete gar nicht mehr. Ich lernte auf der Gitarre zu spielen, wenn auch mit durchwachsenem Erfolg, denn das Talent, wie ich es für das Skaten hatte, suchte ich vergebens in mir .

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Trotzdem fing ich an meine eigene Gitarre zu bauen. Schließlich habe ich ja auch mein eigenes Skateboard gebaut. Das Arbeiten mit Holz wurde zu meiner Leidenschaft. Eine Art Meditation mit Hammer, Beitel und Bandsäge und das Bilden einer Kreativität, wie ich sie bis dato nicht kannte. Du investierst eine Menge Gefühl, Zeit und Geld in das Projekt. Aber am Ende bist du stolz auf das, was du geschaffen hast. Nur des Geldes wegen arbeitet man in diesem Bereich in den seltensten Fällen.

Den Bau einer Gitarre mit dem Bau eines Skateboards zu vergleichen ist weit hergeholt. Und doch sind die Gemeinsamkeiten vorhanden. Ergonomie und Sound auf der einen, Concave und Performance auf der anderen. Rock oder Blues zu Downhill oder Freestyle.

Während all der Jahre war das Bauen von Longboards oder Gitarren nur ein ambitioniertes Hobby. Das wirkliche Leben holte mich jeden unter der Woche jeden Morgen ab und lieferte mich der Arbeitswelt aus. Als Einkäufer für einen großen Industriebetrieb beobachtete ich das, was um mich vorging genau. Jahr für Jahr änderte sich das Verhältnis zu den kleinen Lieferanten. War es anfangs noch so, dass diese auf Augenhöhe standen, dauerte es nicht lange und die kleineren Betrieben wurden zu Sklaven der Industrie. Zu guter Letzt beschlossen viele Industriebetriebe ihre langjährigen Partner, zugunsten der günstigeren Produktion in Osteuropa oder China, auf dem Opfertisch des Kapitalismus zu schlachten. Dies half den chinesischen Arbeitern nicht sonderlich, denn die Arbeitsbedingungen haben sich nur marginal verbessert, während die französischen Arbeiter nach und nach ihre Jobs verloren. Gedanken an die Umwelt wurden nicht verschwendet. Als ich die Gelegenheit 2016 etwas anderes zu machen, ergriff ich diese und gründete „Legend Longboards“.

Mein Traum mit Holz zu arbeiten, sich sozial zu engagieren UND umweltbewußt zu agieren, wurde zur Wirklichkeit. Ich wußte wie man Gitarren aus Holz baute und wie man es formen mußte. Ein großer Vorteil, denn durch das filigrane Arbeiten mit dem Klangkörper kam auch das Feingefühl, dass es braucht um ein Skateboard genauestens auszuarbeiten.

Das Projekt mit den Achsen wurde professionell weiterbetrieben, denn ich hatte nun ausreichend Erfahrung gesammelt, um zu wissen was damals nicht funktionierte. Und mit diesem Know-How wurden die Trucks komplett neu gestaltet. Nun war ich bereit, meine Arbeit zu präsentieren. Meine erste große Präsentation auf der ISPO war ein voller Erfolg und ich freue mich auf viele Anfragen, Meinungsaustausch und natürlich auf Bestellungen.

Soweit die Geschichte aus seinem Betrachtungswinkel.

Wir haben Alex tatsächlich als großen Künstler am Holz erlebt. Kaum ein Kamerateam kam an der ISPO an ihm vorbei, ohne Fotos zu Phil, Sofie und dem Rest des Teams standen die Tränen in den Augen, als er uns mitteilte, dass er dieses Board „Ministry of Stoke“ nach Fertigstellung überreichen will, damit wir es verkaufen und das Geld für unser Projekt #fuckcanver nutzen können. Mit dem Erlös werden unter anderem Medikamente gekauft. An dieser Stelle möchte ich nochmal erwähnen, dass auch Loaded Longboards jegliche Hilfe angeboten hat. Im September kommen unsere Belgier Sofie und Phil nach Deutschland und wir besprechen dann, wie wir eine Organisation gründen, die sich mit dem Thema #fuckcanver beschäftigt. Leider können wir auch erst dann, nach Gründung eines Vereins oder einer etwas ähnlichem das Board verkaufen.

Um einmal eine Hausnummer zu nennen: Eines der Boards, die an seiner Messewand hingen, hat einen Wert von 17.000 Euro. Natürlich ist der materielle Wert nicht 17.000 Euro, gleichwohl er seine Achsen mit rund 1000 Euro veranschlagt. Doch eine Woche oder sogar noch mehr Zeit investiert er in die einzelnen Boards. Im Schnitt liegen die Preise für seine Bretter bei 1.000 bis 2.000 Euro – abhängig ob diese mit oder ohne Achsen geliefert werden. Die Spähne flogen und am Ende hatte er auf der ISPO binnen drei Tagen ein wahres Meisterstück gefertigt. Das hat er wieder nach Frankreich mitgenommen, um ihm den Feinschliff zu geben. Einige Arbeitsschritte mußte er in seiner Werkstatt nachholen.

Alex hat durch seinen Auftritt auf der ISPO einige Kunden und Aufträge gewonnen und mußte aus diesem Grund sein Mitwirken auf der Stoketour 2018 absagen. Wir sind gespannt, ob er uns bald das Geheimnis seiner Achsen verrät. Wir belegen nun bei der VHS ein paar Grundkurse in Waterboarding. Wäre doch gelacht….