LEBENSELIXIER LONGBOARD

LEBENSELIXIER LONGBOARD

Kennt ihr Norddorf, Nebel, Süddorf, Steenodde oder Wittdün?

Das Rollen und Gleiten hat in Nebel Tradition. Schon einer der ehemaligen Sportwissenschaftler der Klinik, Dr. Wolfgang Gruber, ist mit den Patienten Snake- und Waveboard gefahren, und es gab Studien, bei denen Patienten Atemtests machten, während sie Kickboard fuhren.

Dass Longboard fahren nun ein Teil der Therapie und einer Studie ist, freut uns ganz besonders. Der Ansatz des Longboardens ist in diesem Kontext ein völlig anderer.

Der Flow bringt es

Abgesehen vom sportlichen Effekt, auf den verwiesen wird und der mit Sicherheit einen großen Teil der positiven Aspekte ausmacht, birgt das Longboarden noch einen ganz anderen Vorteil in sich: den sogenannten Flow! Bei Flow denkt natürlich jeder direkt an schlechten deutschen HipHop aus Hamburg oder Workflow. Aber jegliche Art von Flow, wie der renommierte Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi in seinen Studien zu diesem Thema feststellte, hat eines gemeinsam: Die Konzentration auf das Hier und Jetzt, ohne Gedanken an Probleme zu verschwenden. Sich einfach nur auf das Wesentliche zu konzentrieren, nämlich das, was man eben tut. Einfach nicht in den negativen Gedankenstrudel einer Depression hineinziehen lassen und den Fokus auf dieses schöne Gefühl zu legen. Es geht darum, 100 Prozent der Körperlichkeit auf das unmittelbare Tun zu konzentrieren. Natürlich geht es auch darum, den Spaß daran neue Dinge zu erlernen, nicht ums Verdrängen. Man hat von Krebspatienten gehört, die durchs Surfen therapiert wurden. Bei diesen Patienten lag die Lebenserwartung wesentlich höher als bei anderen Erkrankten

Wundermittel?

Die geistige Komponente des Flows dürfte bei den Mukoviszidosepatienten eben auch eine kleine, aber feine Rolle spielen. Aber wer kann das schon behaupten, denn die Therapieansätze der letzten 300 Jahre haben auch nur bedingt geholfen. Unumstritten ist aber der Spaß, den das Longboarden mit sich bringt. Wen dieser Sport erst einmal infiziert hat, der wird nicht müde, auf dem Brett Runde um Runde zu drehen.

Die Sportwissenschaftlerin Gabriele Gauss, die dieses Projekt mitbetreut, teilte uns mit, dass die Kinder sich zunächst zum Teil schwertun, denn sportliche Aktivitäten sind für sie nicht ganz einfach zu realisieren. Die körperliche Verfassung dieser Kids, die auf Amrum mit 13 Jahren auf die Longboards steigen, lässt sich meist nicht mit der ihrer Altersgenossen vergleichen.

Wir kennen das alle auch selbst aus eigener Erfahrung: Der innere Schweinehund ist immer zugegen, wenn wir uns nicht aufraffen können joggen zu gehen oder ganz allgemein Sport zu treiben. Wie muss sich da erst jemand fühlen, der Sport treiben muss, um in seiner Therapie voranzukommen, aber eigentlich nicht die körperlichen Voraussetzungen mitbringt? „Ja, ich weiß, ich müsste mich zuhause mehr bewegen, aber ich schaffe es einfach nicht, mich auf ein langweiliges Ergometer in einem stickigen Raum zu setzen und allein zu schwitzen“, so beschrieb eine Patientin ihre Sorgen.

Die Therapie

Der Vorteil des Longboardens ist, dass jeder es so sportlich angehen kann, wie er kann und möchte: Long-Distance oder einfach nur Cruisen. Die Studie zielt in erster Linie darauf ab, Patienten nachhaltig für den Sport zu begeistern. Das Lebensgefühl und der Spaß am Rollen und Gleiten soll auch nach

Abschluss der Therapie wirken und die Patienten begleiten. Longboard fahren transportiert eben eine ganz andere Art der Bewegung. Und für die meisten der Patienten wird es auch der erste Kontakt in Richtung Rollbrett sein. Der Theorieteil, den Gabriele in der Studie ausarbeitet, beinhaltet mehrere Analysen. Eine phänomenologische (Faszination Longboard), eine sozial-psychologische (Rollen als Jugendkultur und Gegenbewegung zur Urbanisierung) und eine gesundheitswissenschaftliche (physiologische Aspekte). Zu den Messinstrumenten werden Fragebögen und physiologische Tests eingesetzt.

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Die Begeisterung der Patienten ist jedenfalls groß, und selbst Chefarzt Dr. Falkenberg lässt es sich nicht nehmen, auf den Cruisern der Longboardschmiede zu fahren.Übernommen wurden im Groben die Workshopinhalte, die Christoph Schütze den Kids auch in Felm vermittelt – natürlich abgewandelt und den Umständen angepasst. Und laut Gabriele sind schon einige Kids in den Longboardshop gekommen, um sich mit Material zu versorgen. Im Winter werden wohl Trockenübungen in der Turnhalle stattfinden.

Die Anschaffung der Bretter war nicht ganz günstig. Die Regionalgruppe des Muko e.V. unter der Leitung von Uwe Köller und Thomas Tringl hat die Boards gesponsert.

Aktuell sind ausreichend Boards vorhanden. Falls die Studie ausgeweitet wird, müssten noch weitere Boards angeschafft werden. Es fehlen derzeit Helme und Schützer. Über Spenden würde sich die Klinik natürlich freuen.

Weiterführende Infos findet ihr unter

www.muko-amrum.de

und unter

www.sattelduene.de

Text: Alex Lenz

Illustration: JHD Vision

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