Kugellager für Longboards – ABEC15 mit Sternchen

Kugellager für Longboards - ABEC15 mit Sternchen

Kugellager für Longboards

Was rollt denn da?

Da, wo sich die unbewegte Landschaft und der Sportler treffen, da passiert die Magie. Also genau da, wo Straße und Longboard Kontakt haben. Also genauer da, wo der Asphalt liegenbleibt, während die Rolle drüberballert Ganz genau zwischen einem dynamischen System namens Rolle auf Achse, und dem statischen Bodenbelag, da spielt die Musik. Ganz reingezoomt also eigentlich im Inneren der Rolle, im Lager, im Raum zwischen Außenring, Kugeln und Innenring. Und – wie sieht´s da so aus?

Immer wieder kommen Leute bei uns in den Laden, die ganz fachmännisch nach „Abec 7“, „9“ oder gar „11“ –Kugellagern verlangen.

Als Verkäufer mit fundiertem Halbwissen hat man dann die Wahl zwischen:

a) Einem 20minütigen Fachvortrag inkl. einiger Lücken, der in totaler Verunsicherung und meist dem Kauf eines günstigen noname Lagers mündet, oder

b) dem geschäftsmäßigen Herbeten der üblichen Marketing- Worthülsen, das hoffentlich den Kauf eines überteuerten Produktes mit etlichen „Special Features“ (plus einer Kartusche mit 15ml eines „magischen“ Schmierstoffes, den es in großen Gebinden auch zu einem 10tel des Preises gibt) mündet.

„Ja klar, Abec13 mit Sternchen, auf jeden Fall das beste Lager am Markt, fahr ich selber…“

Dabei  bezeichnet die Abec Skala (Annular Bearing Engineering Committee) nur die Fertigungstoleranzklasse eines Lagers, wie dies auch in der deutschen ISO 492 festgeschrieben ist. Hier wird festgelegt, wieviel Abweichung der Abmessungen und Formen eines Bauteils vom geplanten Idealmaß toleriert werden.

Abec 3 ist also wahrscheinlich (nicht unbedingt) weniger präzise gefertigt als Abec7, jedoch deshalb nicht zwingend auch schlechter.

Anforderungen

Denn die Qualität eines Kugellager für Longboards bewertet der Nutzer doch nach der Tauglichkeit für seine konkreten Anwendungsbereiche, in unserem Falle sind das:

Leichtlauf
(aufgeteilt in Topspeed, Kurvenausgangsgeschwindigkeit und Langstreckentauglichkeit)

Haltbarkeit
(aufgeteilt in Korrosionsbeständigkeit hinsichtlich Staub und Feuchte und Widerstandsfähigkeit gegenüber fahrphysikalischer Belastung)

 

Wie also muss ein Kugellager beschaffen sein, das diese Anforderungen optimal erfüllt?

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Das bei 100kg Auflast, bei 5000U/min, zwischen 0°C und 40°C, unter Einwirkung von Staub und Feuchte und auch bei Vibrationen und Schwingungen mit einer Amplitude von bis zu 1cm und punktuellen Schlägen sowohl schnell ist auch haltbar?

(…und am Rande bemerkt: wieviel Sätze muss man selber testen, um seriös beurteilen zu können, welches Lager das bessere ist?)

Sicherlich kann es keine optimale Lösung geben, optimale Haltbarkeit und perfekter Leichtlauf dürften sich ab einem gewissen Grad gegenseitig ausschließen.
Leider ist nun die oben genannte Fertigungspräzision eines Lagers nur ein Faktor von vielen. Für Leichtlauf und Haltbarkeit sind mindestens ebenso entscheidend:

Materialgüte
(Härte, Elastizität, thermodynamische Eigenschaften…)

Konstruktion
(Dichtung, Schmiegung, Lagerluft, Oberflächenbehandlung…)

Der renommierteste Anbieter von Skateboard-Kugellagern ist die Marke Bones, die auf Angaben zur Fertigungstoleranz auf ihren Produkten seriöser Weise verzichtet.

Bones bietet Kugellager für Longboards aus chinesischer Produktion unter dem Label „Reds“ in zwei Preisklassen an, die teureren „Super Reds“ sind mit „Superior Grade Steel“ gekennzeichnet, ohne das wir über Stahlsorte oder Rockwellhärte aufgeklärt werden, aber immerhin.

Die noch teureren „Swiss“ Bones Lager gibt’s in unterschiedlichen Sorten, z.B mit nur sechs Kugeln oder mit Keramik-Bauteilen. Der Hinweis, dass diese Lager aus schweizerischer Produktion stammen, soll als Qualitätsmerkmal hinreichen, das allerdings wieder auf das Thema Präzision abzielt, siehe Schweizer Uhrwerk.

Wir werden aus derlei  Angaben natürlich ebenso wenig schlau, wie aus der Abec Skala. Das mag einerseits daran liegen, das niemand seine Geschäftsgeheimnisse preisgeben will, andererseits vielleicht aber auch an Unwissenheit: die Vermarkter von Skateboard-Kugellagern kaufen diese auch nur zu, lassen sie im besten Falle extra herstellen, sind aber nicht selbst Hersteller und insofern vielleicht gar nicht ganz und gar mit der Materie vertraut.

Es ist gar nicht so leicht, jemanden zu finden, der sich mit Kugellagern UND Skateboarding wirklich so richtig gut auskennt.

Seit es mir gelungen ist, so jemanden zu finden, bin ich etwas –  aber nicht viel – weiter gekommen. Das 608er Rillenkugellager, wie wir es nutzen (22mm Durchmesser, 7mm Breite, 8mm Wellenmaß), ist ein Radialkugellager, es ist grundsätzlich konstruiert für Leichtlauf bei hohen Drehzahlen und Belastungen senkrecht zur Welle (Achsstift), nicht aber für starke Schläge oder Axiallasten (z.B. aus Fliehkraft bzw. Bremskraft beim Slide).

Konstruktionsmöglichkeiten

Es wird meist aus rostendem Stahl gefertigt, weil eine rostfreie Version zu weich wäre, die genauen Eigenschaften ergeben sich aus konstruktiven Details, hier ein paar Beispiele:

Lager mit mehr Spiel (Lagerluft)
laufen leichter, sind aber lauter und ggf. empfindlicher gegenüber Vibrationen und Schlägen.

Lager mit nur sechs Kugeln
haben weniger Reibung, die einzelne Kugel darf sich etwas langsamer drehen und schmiegt sich aufgrund der größeren Kugeldurchmesser anders in die
Rille, was gegenenfalls auch flachere Axiallast-Winkel zulässt.

Lager mit schleifender Abdeckung
sind wartungsärmer und korrodieren später, laufen aber nicht ganz so leicht.

Vollkeramiklager
sind der Hammer, aber absurd teuer.

Schrägkugellager
würden viel länger halten und auch besser um die Kurve kommen, im Geradeauslauf aber zu stark abbremsen.

Die richtige Auslegung eines Kugellagers ist wirklich nicht ganz einfach. Die unterschiedlichen Anforderungen müssen zunächst gegeneinander abgewogen und priorisiert werden, weil es die eierlegende Wollmilchsau nun mal nicht gibt.

Die Wechselwirkungen der einzelnen Parameter unter echten Einsatzbedingungen sind nicht vollständig simulierbar, Testen ist also obligatorisch, aber wie?

Labormäßige Vergleichbarkeit ist auf den Landstraßen der Umgebung nicht zu gewährleisten. Und dann ist vielleicht auch zu hinterfragen, ob Kosten und Nutzen noch wirtschaftlich sind, denn wie es immer so ist bei Sportgeräten:

für die letzten 3% Performance zahlt man nochmal das Doppelte, und günstig zugekaufte Lager sind niemals extra fürs Longboarden entwickelt worden,
denn günstig sind nur Lager, die in riesigen Stückzahlen produ ziert werden… das muss dann schon Zufall sein, wenn das passt.

Was heißt das nun?

Ohne wirklich ins Detail zu gehen, wird doch klar:

Bei Kugellager für Longboards tappen wir alle irgendwie im Dunkeln. Meist nimmt man doch, was empfohlen wurde, oder was man schon immer hatte.

Die angebotenen Produkte sind mangels Information und Fachwissen nicht wirklich zu beurteilen, allenfalls über die Abec-Klasse oder den Preis, wobei letzteres – schlimm genug – wahrscheinlich sogar noch der verlässlichere Marker ist…

Alles andere ist eben Magie.

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Euer Björn

Text: Björn Hekmati
Foto: Natascha Dänner

 

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