Die Pogo Tales – von Adrenalin und anderen Dingen

Die Pogo Tales – von Adrenalin und anderen Dingen . 30 Jahre Pogo – das bedeutet unzählige Geschichten. Und Jogi März hat es sich zur Aufgabe gemacht,  seine persönlichen Erlebnisse – aber auch den Werdegang der  Firma niederzuschreiben.

Wir hatten dies ja beginnend mit Ausgabe 9 des 40inch Longboardmagazins veröffentlicht. Da sich jetzt die Bestände der Magazine sehr verringert haben, wollen wir die Serie von Stories als Art digitales Archiv auch nochmal online herausbringen. Viel Spaß damit.

Mit dem Skateboard quer durch die USA – Ein Trip zu den Wurzeln des Skateboardens 

 

In den 70er und 80er Jahren hatten die meisten deutschen Jugendlichen noch ein recht positives Bild von den Vereinigten Staaten. In fast allen größeren Städten waren US-Truppen stationiert, seitdem sie Deutschland vom „pornoschnauzigen Gröfaz“ (Größter Feldherr aller Zeiten) befreit hatten. Trotz ihrer ghettoartigen Unterbringung in „Barracks“ hatten viele junge Amerikaner Kontakt zu etwa gleichaltrigen Deutschen. Überall in größeren Städten gab es Kneipen, die sich auf Englisch sprechendes Klientel spezialisiert hatten, wo aber auch die deutsche Jugend gerne aufkreuzte, da man dort mit anderssprechenden, andersdenkenden und teils andersfarbigen ausländischen Jugendlichen abhängen konnte, ohne dafür in Urlaub fliegen zu müssen (In den USA konnte man damals mit 16 Jahren schon zur Armee, und der Durchschnitt war wohl so um die 20 Jahre). Die jungen Amerikaner befruchteten unsere inzüchtig ausgedörrte Arierkultur mit allerhand Brauchbarem an Sportarten, Musik, freieren Denk-weisen und alternativen Lebensgrundsätzen, wenn auch mit allerhand weniger Brauchbarem wie Junkfood, harten Drogen und fadem Bier. Wellenreiten, Skate-boarden und Snowboarden gehörten zu diesen Sportarten, oder besser: Lebensweisen. Viele Rock-bands kamen ursprünglich (wie auch in Vietnam) nur deshalb für Konzerte nach Deutschland, um den US-Boys ein wenig Heimat näher zu bringen, wovon die deutsche Jugend fast noch mehr profitierte, denn ohne Rock ’n’ Roll würde sie heute noch in Marschmusik verblöden.  Eine andere dieser importierten Lebenskünste war das Fortbewegungsmittel der Hippies, der rechte Daumen.

Seit der Flower-Power-Zeit waren Tramper auch aus dem deutschen Straßenbild nicht mehr wegzudenken. Besonders während der Ferien standen sie zuhauf an Autobahn-Auffahrten und Rasthöfen. Springerpresse und „Alteleuteradio“ überschlugen sich mit Horrorgeschichten über Morde, Raub und Vergewaltigungen, um Autofahrer davon abzuschrecken, Tramper mitzunehmen.  Veränderung ist schließlich Teufelswerk! Sollen die doch Eisenbahn fahren wie wir damals das eine Mal nach Bottrop zu Onkel Klaus! Oder wenn’s ganz extravagant sein soll, lieber arbeiten, dann ein Auto kaufen und nach Rimini in Urlaub fahren wie die Jansens vor drei Jahren.

 

Das war für so manche Eltern eine grenzgehende mentale Dehnungsübung, als ihre Zöglinge den Daumenzug nach Nirgendwo nahmen. Mich hatte der Travelvirus mit 14 erwischt. Bei meiner ersten Tramptour zu einem zweitägigen Rockkonzert im 200 Kilometer entfernten Nürnberg fand ich Gefallen an dieser genialen Art der Fortbewegung. Viele, die mir einen Lift gaben, waren witzige und interessante Menschen, und ich war in einem Alter, in dem man alle Impressionen aufsaugt und neugierig ist, was das Schicksal für Einen bereithält.  Ich pennte mit einer Heerschar von Gras rauchenden und Budweiser trinkenden Gleichgesinnten vor der hohen Abzäunung des Zeppelinfeldes, die um   sechs Uhr morgens eingerissen und niedergetrampelt wurde. Bevor die Veranstalter irgendetwas tun konnten, waren Tausende bereits auf dem Feld.

Es war das Deutsche Woodstock, 70.000 Zuschauer, leider gab es elf Tote. Es spielten The Who, Molly Hatchett, AC/DC (noch mit Bon Scott) und die damals gerade auf-kommenden Skorpions.

Im Jahr darauf trampte ich (mit Krücken und Gipsfuss) rund um England, später dann durch Indien und Nepal, für eine Klettertour zum Annapurna Basecamp.  Wie beim Skaten reizte mich am Hitch-Hiken vor allem das Puristische. Nur du und dein Board, nur du und dein Daumen. Ohne große finanzielle Mittel von A nach B zu kommen oder sogar große Strecken überwinden zu können auf einmalige und unabhängige Art. Du lernst, dir selbst zu genügen. Wann immer du willst, kannst du bleiben, weiterziehen, Ziel oder Richtung ändern oder ganz umkehren.

Du lebst für den Moment. Keiner deiner Freunde oder Angehörigen weiß, was du im Moment machst und wo du bist. Mit jedem Lift gibst du deinem Schicksal eine neue Chance. Du weißt selbst nicht einmal, wie weit du heute noch kommen wirst und ob du im Straßengraben, in einem Heuhaufen, einem ausrangierten Eisenbahnwagon oder womöglich in einem weichen Bett mit netter Gesell-schaft schlafen wirst. Allein zu reisen ist die Art zu reisen, bei der man am wenigsten alleine ist. Man kommt viel leichter mit Menschen in Kontakt und wenn man kein Sozialmuffel ist, wird man oft nach Hause, zu Partys oder zu abenteuerlichen Dingen wie Reiten, Motocross, Bootsfahrten oder sonstigen Highlights eingeladen.

Diese Ferien hatte es mich nun in die USA, ins Mutter-land des Skateboardens gezogen. Der Plan war einfach:

Billigster Flug über den Teich nach New York, dann die Ostküste runter, über die Südstaaten der Küste und der Mexikanischen Grenze entlang nach Süd-Kalifornien zum Pazifik und zur legendären Del Mar Skate Ranch.

Danach wollte ich über die Nordstaaten und eventuell Kanada wieder zurück nach New York für den Rückflug. In meinem Rucksack waren mein selbst gebautes Skateboard, ein paar Klamotten, eine Zahnbürste, eine Amilandkarte und ein Schlafsack.

Mit ein paar Wochen Arbeit hatte ich etwas Kohle für den Trip zusammengespart, aber auch meine Eltern unterstützten mich trotz heute kaum vorstellbarer Kreditzinsrate finanziell so gut sie konnten.

So reichte es für das Ticket und etwa zweihundert Mark Travellerschecks. Ich hatte schlimme Geschichten gehört von Leuten, die mit Tausend Mark keine vier Wochen durchkamen und deshalb frühzeitig wieder nach Hause fliegen mussten. Unterwegs wollte ich deshalb die Schwimmwasserlinie der Reisekasse durch Gelegenheitsjobs in der Waage halten, denn ich hatte schon mehrmals erlebt, dass bei längeren LKW-Lifts irgendwo abgeladen werden musste und hierbei leichtes Geld verdient werden konnte, oder Tramper von Arbeitgebern gezielt angesteuert wurden, um ihnen Arbeit anzubieten.

Es machte mir Spaß, ständig neue Leute zu treffen und wo immer ich umfiel im Freien zu übernachten. Wenn es regnete oder auch im Winter, hatte ich zumindest in Großstädten eine Taktik für gute Schlafplätze. Sie bestand darin, in Hochhäusern mehrere Klingeln gleichzeitig zu drücken und mit einem Kinderton zu quaken, dass ich meinen Schlüssel vergessen hatte. Irgendjemand drückte immer den Öffner.  Dann suchte ich den Raum, wo die Wäsche aufgehängt wird, stellte mir den Wecker auf halb sechs und verließ die Bude ohne Ärger zu verursachen. Chappi gab es für mich nur aus dem Supermarkt und aus der Natur.

So landete ich also im großem Apfel New York. Jetlag und nach kampfähnlicher Flucht aus dem stinkenden Ameisenhaufen, vieles davon per Skateboard, kam ich abends noch an einen Rasthof in den nun endlich weniger hohen architektonischen Vorgebirgen der Großstadt. Hier trampte ich Trucker mit meinem Schild „South“ an. Mein erster Lift war ein Segen. Der Trucker erkannte meine Erschlagenheit und schickte mich nach hinten auf die Matratze. Ich rechnete ihm das hoch an, denn der Hauptgrund, warum Trucker Tramper mitnehmen, ist die Unterhaltung, um nicht selbst einzuschlafen. Ich schlief den Schlaf der Gerechten, weiß nicht mehr wie viele Stunden und wachte erst in South Carolina wieder auf. Ich hatte fast die gesamte Ostküste verpennt! Dort hing ich nun an einem Rasthof herum, als ein PKW hielt und der Fahrer mich fragte: „Do you like this?“ Er hatte sein Handschuhfach ausgeklappt und mir Männerpornos vor die Nase gehalten. „Rather not, buddy“, sagte ich ihm mit einem Smile. Er verstand und fuhr weiter. Das passierte einem beim Trampen oft genug, aber störte mich nicht weiter, solange die Kerle nicht handgreiflich versuchten, mich zu ihrem Ufer zu konvertieren, was mir schon einmal nachts mitten im nowhere passiert war. Der Kerl wollte mich damals mitten auf der verlassenen Landstraße rausschmeißen, nachdem ich seine Hand von meinem Knie mit unsanftem Händedruck entfernt hatte. Dann habe ich ihm klargemacht, dass er mich bis zum vereinbarten Ziel fährt, da ansonsten er aussteigen würde.

Mehrere kleine Lifts brachten mich schließlich zur Stadt der Harley Davidson Motorcycle week: Daytona, wo ich ein paar Tage blieb. Auf einem riesigen Strand vergnügten sich Besitzer von Hot Rods mit Quartermile Races. Ich hing mit einem Haufen Hippies ab, die mich das letzte Stück mitgenommen hatten und mir Unterkunft gaben. Couchsurfen war gang und gäbe, auch wenn es nicht so blendend wie heute organisiert war, denn Internet gab es noch nicht. (www.couchsurfing.org) Endlich mal ohne Rucksack mit dem Skateboard durch die Stadt shredden, das war schon etwas Besonderes. Ich fand andere Skater und rockte mit ihnen durch die Gassen. Hier hätte ich auch länger bleiben können. Ich pfiff auf Disney und Cape Canaveral, die Begegnung mit den Locals war mir wichtiger. Was mich auch bei meinem weiteren Trip umhaute, war die wahnsinnige Freundlichkeit der Amerikaner.

In Houston besuchte ich dann einen amerikanischen Freund, den ich auf dem Annapurna-Treck kennen gelernt hatte. Auch hier blieb ich zwei Tage. Während er arbeitete, genoss ich den Gemeinschaftspool seiner Wohnanlage, und abends gingen wir in die Stammbar der ZZ-Top Jungs. Er riet mir, rüber nach Mexiko zu schauen, so checkte ich nach Chihuahua. Die Hitze und das viel schwerere Hitchen (lange Wartezeiten in brüllender Hitze und immer nur kurze Lifts) zwangen mich aber zur Rückkehr nach Rio Grande, und so trampte ich auf dem US Highway weiter nach Arizona.

Ein Trucker hatte eine Ladung für ein Militärcamp mitten in der Wüste geladen. Schon die Fahrt über die Dirtroad war ein Wahnsinnstrip. Beim Aussteigen wurden wir vom gelben Planeten niedergestreckt. Erst mal in die Bar der Barracks und ein kühles Bier. Mir war rätselhaft, was die Militärs hier draußen wollten.

Es gab nichts außer Hitze und roten Steinen. Die GIs schwitzten sich die Galle raus in ihren langen dunklen Tarn-kleidern. Hier sollten wir nun abladen. Wir warteten noch bis zum Abend. Dann gab’s 15 Dollar die Stunde für knochenharte vier Stunden. Die Wirbelsäule jammerte, die Reisekasse lachte.

In Europa war ich beim Trampen meist etwas mehr unter Zeitdruck und sprach auf Rastplätzen vorzugsweise BMW-, Porsche-, Mercedesfahrer mit vielversprechenden Kennzeichen an, selten LKW-Fahrer. Hier in den US sind aber die LKW-Fahrer die, die am schnellsten fahren. Sie haben alle CB und warnen sich gegenseitig vor den „Bears“, den Wegelagerern mit der Radarpistole. Deswegen hört auch so mancher PKW-Fahrer den CB-Funk ab. Ich hatte wieder einen Truckerlift bekommen. Wir wurden in rasantem Tempo von einem schwarzen Reisebus mit abgedunkelten Scheiben überholt. Mein Fahrer fragte über Funk, was er denn geladen hätte.

Der sagte nur „AC/DC“.     …WTF! Ich war hellwach.

„Wohin fahren die?“ „Zu einem Konzert nach Phoenix.“ „Mann, frag ihn bitte, ob ich mit denen zum Konzert fahren darf!“ „Kein Zweck“ sagte der Busfahrer, „die Jungs liegen total besoffen hinten drin, die sind nicht mehr ansprechbar.“ Das war keine blöde Ausrede; ich glaubte ihm aufs Wort. Schade! Nix mit Backstage sneaken. Also weiter nach Westen. Den Moment, an dem ich aus der Fahrerkanzel den Pazifik sah, werde ich nie vergessen. Kalifornien, das Land der Träume für jeden Skater und Wellenreiter. In San Onofre hielt die US Army gerade ihre internen Surf Championships ab. Den jungen Army-Surfern gefiel meine Art zu reisen. Einige waren schon in Deutschland stationiert oder hatten Freunde, die dorthin abkommandiert waren. Sie nahmen mich mit auf den Stützpunkt, wo man als Normalsterblicher normalerweise nicht reinkommt. Ich hatte eine tolle Zeit am Strand und in den Wellen nur mit Skateboard, Handtuch und Badehose, während mein Rucksack in einem Spint blieb und ich nachts in einem Stockbett schlief. Die Jungs rieten mir vom Del Mar Skatepark weiter nach Süden zu ziehen, nach Mexiko bis Ensenada und Rosarito, wo der Surf weniger crowded wäre. Del Mar war wirklich der Hammerpark, auch wenn mein selbstgebautes Board eher für Flatlandstyle geeignet war.

Aber ich konnte mit anderen Skatern rum-tauschen. Wir hingen dort tagein tagaus rum, und wenn es zu heiß war, ging’s in die Wellen des direkt an den Park angrenzenden Ozeans. Fast jeder Skater hatte ein Surfboard dabei. Die Atmosphäre war unbeschreiblich relaxt. Da ich auf dem Rückweg noch mal herkommen wollte, blieb ich nicht allzu lange in San Diego, sondern nahm die Grenze in Tijuana.

Der Surf in Ensenada und Rosarito war bombastisch. Ich hatte mir von den hier in der Überzahl surfenden Amis ein Board geliehen und saß nun im Lineup mit Delphinen unter mir und Pelikanen über mir. Früh morgens war der Wind noch nicht da und die Wellen so glasig, dass man fast nicht paddeln musste, um sie zu erwischen. Ich war im Nirwana.In einer Spelunke hatte ich einen einsamen Bauern getroffen, dem die Frau weggelaufen war. Er sah aus wie der Barmann von „Dusk till Dawn“. Nach ein paar Cervezas fuhren wir mit seinem offenen Buggy querfeldein durch die Steppe zu einem Steinhaufen von Häuschen fast ohne Fenster und mit löchrigem Dach. Als es Abend wurde, gingen wir mit dem Buggy jagen. Ich fuhr und der Kerl schoss auf Karnickel. Er erwischte tatsächlich einen, zog ihm das Fell über die Ohren und grillte ihn auf der raben-schwarzen Feuerstelle in einer Ecke des Steinhaufens. Mein Spanisch war damals kärglich, aber wir schafften es irgendwie immer uns zu verständigen. Das hatte einen viel höheren Reiz als ohne Sprachbarriere. Am nächsten Morgen fuhr er mich wieder auf den Highway und von nun an war ich Northbound. Heutzutage würde ich statt meines für damalige Verhältnisse sehr tief liegenden Flatlanders –wahrscheinlich eines der ersten Boards mit Wheelwells –   eher ein kurzes Drop-Longboard mit weichen 80er Rollen mitnehmen, aber so etwas gab es damals noch nicht. Auch ein paar Ersatzlager würden in meinem Rucksack Platz finden. Ich hatte mein Board deshalb tiefer gelegt, da beim Pushen mit schwerem Rucksack jeder Zentimeter Höhe wahnsinnig auf den Oberschenkel des vorderen Fußes geht.

In meiner Jugend hat mich mein Daumen circa 220.000 Kilometer, also etwa fünfmal um die Erde gebracht. Ich trampte stets alleine und aufgrund der damals unvorstellbar hohen Telefonkosten hatte ich mich fast nie zu Hause gemeldet. Nur die Tatsache, dass ich international erfolgreich Kampfsport betrieb, ließ meine Eltern etwas ruhiger schlafen.

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Erst heute, wo ich selbst drei Kinder habe, kann ich mir ansatzweise vorstellen, was sie wegen mir durchgemacht haben. Mein 19-jähriger Sohn hat gerade ein Work+Travel-Sabbatjahr durch Neuseeland, Australien und Indonesien, größtenteils per Daumen (mit Surfboard unterm Arm) hinter sich, und meine 17-jährige Tochter will nun für neun Monate zum Travel-Worken und Snowboarden in die USA. Ihr Papa ist in der Zwickmühle zwischen Stolz und Sorge! Aber wie könnte ich meinen Kids im Weg stehen das zu tun, was ich selbst so genossen habe.

Euer Jogi März