Surfing XXL: Jim Heimann „Surfing“

Jim Heimann, TASCHEN

Von wegen „Surfin‘ USA“: XXL ist hier der Maßstab und allein das Auspacken ist ein kleines Ereignis. Ein großes (bei einem knappen halben Meter Länge!), ein gewichtiges, und ein voluminöses Event – um genau zu sein. Denn der Taschen-Verlag lässt sich nicht lumpen und hat „Surfing“ von Jim Heimann in eine Tasche mit Tragegriff verpackt, die an die Kartonage beim Laptop-Versand erinnert. Knapp sieben Kilogramm bringt „Surfing“ auf die Waage – fast schon das Gewicht eines Surfboards – ein Trumm von einem Buch!

Jim Heimann, TASCHEN
Jim Heimann, TASCHEN

Bildabriss der Surfhistorie

Form follows function? Form follows content, denn es handelt sich um den ersten vollständigen Abriss der Geschichte des Surfens, deren Ausgangspunkt von Jim Heimann zwei Jahre nach der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung festgemacht wird. 24 Monate, nachdem die dreizehn britischen Kolonien in Nordamerika ihre Loslösung von Großbritannien proklamierten und ihr Recht, einen eigenen souveränen Staatenbund zu bilden. An der Westküste dachte damals noch niemand daran, sportlich die Wellen abzureiten.

1778 begann nach Heimanns Lesart die neuzeitliche Geschichte des Surfens – mit der Expedition von Captain Cook in die Südsee. Von Polynesien aus eroberte das Wellensurfen die Welt, der Sport entwickelte sich zur Industrie, lieferte sich Ping-Pong-Spiele mit Subkulturen und wurde schließlich Mainstream – Surfmusik, Surffilme, Surfmode und natürlich die Surf-Fotografie.

 

Bilder aus der Prä-Selfie-Ära

Die nimmt in Heimanns ambitioniertem Band den Hauptteil ein. Mehr als 900 Fotos finden sich auf den 594 Seiten. Reine Faktenmathematik, denn der kalifornische Kulturanthropologe hat mit den Mitteln des Bildes eine Huldigung verfasst, die mit liebevoll und ambitioniert nur unzureichend umrissen werden kann. Rund 900 Fotos von Brettern und Menschen, Menschen auf Brettern, Bretter auf dem Wasser, an Land, in der Luft – Fotografien, Skizzen, Plakate und Urlaubsfotos aus der Prä-Selfie-Ära. Surfen war zu Beginn des 20. Jahrhunderts irgendwie noch exotisches Vergnügen, Abenteurer und Sinnsucher stürzten sich in die Wellen – der kalifornische Mythos war Dekaden entfernt.  Darüber ist schon viel geschrieben und veröffentlicht worden, aber noch nie in dieser bildlichen Dimension: Dabei präsentiert der Kalifornier für seinen chronologischen Abriss nur ein Best-Of, eine redaktionelle Auswahl, eine Schrumpfkur aus gigantischen 7000 Objekten, die privaten Archiven, Schatztruhen und Sammlungen entstammen. Heimann war nah dran, als in den 1960er-Jahren der erste Hype um das Wellenreiten entstand. Er war –sooft es ging- selbst auf dem Wasser. Ein Brett hatte er nicht, dafür reichte das Geld nicht – aufs Wasser kam er dennoch, denn fürs Bodysurfing brauchte es keine Kohle, sondern Können.

Statement-Buch von der Westküste

Vermutlich ist dieser intensive frühe Kontakt zur lokalen Szene an der West Coast Auslöser gewesen, dass Heimann eine solch bildgewaltige Monsterwelle im Buchformat ausgelöst hat. Infiziert vom Surfvirus, der ihn jahrzehntelang befallen hat, resultierend in diesem „Statement-Buch“. Mit englischen Texten. Wer die nicht lesen kann oder will, findet ein Begleitheft, das sich fast schon verschämt an das Statement-Buch anschmiegt. Die Übersetzung ist bleiwüstenhaft und damit ein Einfallstor, das sich spaltbreit für Kritiker öffnet: Unterm Strich jedoch ist davon auszugehen, dass kulturinteressierte Menschen Englisch verstehen und dieses in deutscher und französischer Sprache verfasste Faktenkonzentrat ein gut gemeintes Angebot für den Rest darstellt.

Bedruckte Riesenwelle

Was macht der Leser bzw. Betrachter mit einer solchen bedruckten Riesenwelle? Das Monstrum lässt sich nicht einfach ins Bücherregal stellen. Auch das Schmökern im Bett würde sich im Lesealltag kompliziert umsetzen lassen. Vielmehr gehört der 600-Seiten-Tsunami auf den Tisch ins Wohnzimmer, wo man ihn immer wieder in die Hand nehmen und sich von Heimanns monumentaler Bilddokumentation fesseln lassen kann. Die Geschichte des Surfsports in einem einzigen Band unterzubringen, sei ein Ding der Unmöglichkeit, sagt Jim Heimann im Vorwort. Nun, das Unmögliche hat er dennoch vollbracht.

Surfing  von Jim Heimann als Hardcover, in Leinen gebunden, Mit Ausklappseite und Leseband,
29 x 39,5 cm, 592 Seiten
Mehrsprachige Ausgabe: Englisch, Französisch, Deutsch Preis 150,00 Euro

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Auf der Waage – Torsten Fuchs

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