Brazil – das Disneyland der Longboarder

Brazil – das Disneyland der Longboarder

Alle Bilder unter Copyright von Rafael Fazano

Teutonia ist das Zauberwort, das Longboardern zum Thema Brasilien einfällt. Hier, in der von deutschen Einwanderern 1858 gegründeten Stadt, findet alljährlich das wohl schnellste und anspruchsvollste Rennen im Downhillcircuit statt. Geschwindigkeiten um die 120 Stundenkilometer und spektakuläre Manöver haben diesen Ort weltberühmt gemacht.

Falls ihr mal in Teutonia mitfahren wollt: Zunächst geht es mit dem Flieger nach Porto Alegre und dann weiter auf der Straße, knapp 130 Kilometer mit dem Auto, ins Landesinnere.  Ihr müsst euch also nicht durch den Regenwald kämpfen. Belohnt würdet ihr mit 5.000 Zuschauern werden, die euch frenetisch anfeuern.

Und mit hoher Wahrscheinlichkeit versteht man euch in diesem Teil des Landes. 1,5 Millionen Brasilianer sind deutscher Abstammung. Die deutsche Sprache und das Brauchtum ist jedoch von Generation zu Generation überliefert. Man fühlt sich in das frühe neunzehnte Jahrhundert zurückversetzt, wenn die Leute dort erstmal ihre Scheu überwunden haben und in ihrer ehemaligen Landessprache zu sprechen beginnen. In einigen Landesteilen und Gemeinden ist Deutsch sogar noch die zweite Amtssprache.

Nimmt man Teutonia als Beispiel, so sieht man 2012 unter den Top 100 insgesamt 76 brasilianische Fahrer, davon neun unter den Top 10. Ein wenig ist es natürlich auch der mühevollen Anreise auf das Event geschuldet, dass nicht so viele ausländische Fahrer teilgenommen haben. Dass Kyle Wester aus den USA 2012 dort gewann, ändert aber nichts an der starken Präsenz der Brasilianer. Nicht zuletzt dank dem ISGA World Champion Douglas „Dalua“ Silva sind diese auch über das Land hinaus bekannt.

Die Entwicklung der Dowhillszene begann in den Neunzigern, als weltweit erste Rennen durchgeführt wurden. Im Jahre 2001 ist der Meilenstein in der Geschichte des Longboardens in Brasilien gelegt worden. Der Redbull Downrio in Rio de Janeiro infizierte die Skater in Brasilien.  Fahrer wie Maia, Percy, Tigrão, Mano, Zóio de Gato, Floriano Sales, Fabio Lock, Zoio di Gato, um nur einige zu nennen, entdeckten das Downhillskaten auf höchstem Niveau für sich. 2010 definierte der brasilianische Verband (CBSK/CNSV) die Kategorien Amateure und Profis, um der wachsenden Anzahl der Starter gerecht zu werden.

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Wie in Europa, so bildet das Downhillskaten auch hier nur einen kleinen Teil der Szene. Die Parks und Straßen in Brasiliens Großstäden sind voll von Leuten, die Skaten. Ob nun Freeride, Dancing oder auch nur als Fortbewegungsmittel. Longboarden wächst unaufhörlich. Allerdings sind die Preise in Brasilien für Hardware sehr hoch, was derzeit noch die Szene künstlich klein hält. Das und die teilweise schlechten Straßen sind aber auch der einzige Wermutstropfen. Unser kleiner Shop in Neu-Isenburg wird immer wieder von den Flightcrews einer brasilianischen Airline heimgesucht, die gerne ein Longboard kaufen würden. Es wäre günstiger dies nach Brasilien mitzunehmen, als es dort zu kaufen. So kamen wir auch ins Gespräch mit den Südamerikanern und beim Testen der Boards konnte man das Temperament der Brasilianer bestaunen, die völlig entrückt auf den Brettern die wildesten Sachen veranstalten.

Pele, Garrincha oder Zico sind den Menschen in Südamerikas größtem Land natürlich eher ein Begriff als Douglas Dalua, aber nach vielen Interviews können wir feststellen: Brasilien ist ein Land der Skateboarder. Auf Rang 2 der beliebtesten Sportarten rangiert der Sport auf vier Rollen (nach Fußball) – egal ob Skate- oder Longboarden. Die Parks sind voll mit Skatern, und Unterschiede machen die Braslilianer zwischen Long- und Skateboardern nicht.  Inlineskater sind, anders als in Deutschland, Teil der Community. Das Ganze läuft unter dem Oberbegriff „Gravity-Sports“. Bei über 200 Millionen Einwohnern wird auch die Anzahl der Longboarder die der deutschen Longboarder bei weitem übertreffen.

Im Gegensatz zum Downhillbereich, in dem sich die Szene an europäischen oder US-Fahrern orientiert, ist der Sport ähnlich wie in Deutschland durch Video-plattformen verbreitet worden. Immer wieder genannt werden die Videos von Loaded, die eine ganze Generation von Longboardern infiziert haben.

Den Mainstream hat der Sport 2009 erreicht. Firmen wie Orangatang Wheels, Abec11, Cult und Sector9 im Wheelbereich und Rayne, Landyachtz, Loaded, Comet, Sector9 und Lush bei den Decks verkaufen sich in Brasilien wie die berühmte warme Semmel. Mittlerweile gibt es eine kleine aber feine Longboardindustrie. Faceskate (wheels), Moska (wheels), Crail (trucks) oder Tacna (Lederkombis) schreiben ihre Erfolgsgeschichte und wachsen kontinuierlich.

Auch die Dichte der Longboardshops hat sich landes-weit erhöht. Viele Fahrer haben ihr eigenes kleines Business eröffnet und sich auf den Downhillbereich spezialisiert. Cruiser und günstige Completes gibt es hingegen in fast jedem Shoppingcenter, in Surfshops oder dem Mailorderversand.

Brasilien ist natürlich durch seine geographischen Gegebenheiten ein Mekka für den reinen Downhill. Innerhalb der Metropolen sind reine Speedboard-Strecken eher selten. Außerhalb jedoch reiht sich eine Speedstrecke an die andere. Lediglich der Asphalt lässt in einigen Landstrichen zu wünschen übrig, während an anderen Spots glattester Asphalt darauf wartet gebombt zu werden. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Der gute Asphalt resultiert daraus, dass das wachsende Straßennetz, speziell im Inland, dazu genutzt wird, das wertvolle Gut Holz zu transportieren. Den Bereich am Atlantik hat die Industrie bereits kahl geschlagen. Nun macht sich der nimmersatte Industriezweig Holzverarbeitung also auf ins Landesinnnere.

Die Crews (bei uns Rollrunden) fahren hunderte Kilometer, um an perfekten Spots perfektes Longboarden zu zelebrieren. Entfernungen werden in einem Land, in das Deutschland etwa zwanzig Mal reinpassen würde, anders gewertet.

Was auffällt, ist eine sehr hohe Anzahl an Girlscrews, die in Brasilien auch im Downhill für Furore sorgen. Bestes Beispiel ist Georgia Bontorin. 2012 nahm  die erst 15-jährige an drei IGSA Rennen teil und gewann alle.

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Grandios ihre Runs beim Snake Skeleton. Hier schlug sie die Ranglistenerste, Rebekka Gemperle, in einem spannenden Finallauf. Zudem stellte sie den bisherigen Geschwindigkeitsrekord von Katie Neilson in Teutonia ein. So ist der nächste Schritt von Georgia, das Skateboarden professionell zu betreiben. In diesem Jahr tritt sie das erste Mal quasi hauptberuflich als Skateboarderin an. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass sie eigentlich erst vor drei Jahren mit dem Longboarden begonnen hat, kann davon ausgegangen werden, dass sie für lange Zeit um den Weltmeistertitel mitfahren und das Longboarden im Damenbereich mit dominieren wird.

Und sie hat eine Menge Leute mit dem Virus Downhill infiziert. 16 Brasliannerinnen haben sich schon in der ISGA angemeldet und ein Ende ist nicht in Sicht.

Tamis Guerra, die uns zum Interview bereitstand, ist selbst aktiv in der Downhillszene in Brasilien unterwegs. Als Sprecherin der Brazil Longboard Girlscrew hat sie einen guten Blick auf die Aktivitäten der weiblichen Longboarder in Brasilien.

Sie sagt, dass es längst nicht mehr der Surfstyle sei, der das Longboarden bei den Mädels prägt. Die Rennszene wächst derzeit sehr schnell und aus dem ganzen Land kommen die besten Fahrerinnen nach Curitiba, um gemeinsam zu trainieren.

Das Vorurteil, dass hier in Deutschland herrscht, nämlich, dass Skateboarden eigentlich ein Sport für Männer ist, scheitert hier an der offenen Art der Brasilianer, die sehr lebenslustig sind und alles mal ausprobieren müssen.

Die Reise zum Zuckerhut sollte sich also für jeden lohnen. Ein schönes Land mit interessanten Leuten, wie wir finden.

 

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Curitibia hat die stärkste Community. Hier im Landesinneren pulsiert das Longboardherz Brasiliens. In der 1,7 Millionen-Einwohnerstadt ist das Longboard quasi Fahrradersatz geworden.

Die Gegend um Belo Horizonte ist das Disney des Downhills und bietet für jeden Geschmack etwas.

São Paulo ist das Herz Brasiliens. Kultur und Sport werden großgeschrieben. Von hier fließen die Trends ins Land. Skaten hat hier Tradition.

Porto Alegre hat ebenfalls eine große Szene, und die besten Fahrer Brasiliens haben hier ihr Handwerk gelernt. Speziell im Downhill finden rund um die Hafenstadt feinste Spots.

Rio de Janeiro hat dem neben dem Zuckerhut auch perfekte Freestylespots und natürlich unendliche Promenaden an der Copacabana. Hier locken zusätzlich die surfbaren Wellen des Atlantiks und kleinere Freeridespots.

Die Brasilianer gelten als sehr gastfreundlich. Es gibt Gegenden, in denen deutsch gesprochen wird, und Longboarder sind sehr willkommen. Wenn ihr also nach Brasilien fahrt, könnt ihr euch jederzeit an die lokale Community wenden, die euch mit offenen Armen empfangen wird.

 

Vielen Dank an Rafael Fazano für die Bilder! Copyright beachten.