Begraben wir eine Kultur? Ist der Boardsport auf vier Rollen am Ende?

Wer aufhört zu werben, kann auch die Uhr anhalten um Zeit zu sparen.

Ich meine Henry Ford hat diesen Satz von sich gegeben und damit unfreiwillig einen Claim für viele Werbeagenturen geboren. Was hat das mit Longboarden zu tun? Hier die Antwort:

Die Passion Sport Convention in Bremen haben wir hinter uns gelassen. Für Ministry of Stoke eine gelungene Veranstaltung. Es war wie immer: hunderte von Kids nutzten unsere mitgebrachten Rollinstrumente. Wie immer? Als wir das erste mal in Bremen auftauchten, interessierte sich niemand für Longboards. Das muß 2011 gewesen sein. Irgendwo im ersten Stock gab es ein Elektroskateboardrennen. Skateboard dominierte und eher „experimentelle Sportarten“ wie Hockern, versuchten sich in die Jugendkultur einzubringen. Das Longboard wurde von der Streetskateboardfraktion eher belächelt. Das änderte sich in den Folgejahren. Einige Shops zogen kurzerhand für zwei Tage in die Messehallen der Hansestadt und auch die Hersteller ließen sich nicht lumpen und verkauften vor Ort. In diesem Jahr war der Longboardsport gar nicht präsent. Aber wo sind die ganzen Hersteller? Die Shops? Die Fahrer? Kaum jemand war vor Ort. AOB und die Jungs von Quinboards waren am Start.

Bei Titus und Blue Tomato konnte man das ein oder andere Board finden…. Das war es!

Vielleicht ist dieses Event ja zu weit im Norden. Und eventuell kann eine Veranstaltung im Rhein-Main-Gebiet, mitten in Deutschland, den Lebensgeist der Szene wieder auffrischen?

Event in Wiesbaden?

Was bietet sich mehr an als Wiesbaden, die Landeshauptstadt Hessens? Dort wird Ende April ein neuer Pumptrack installiert und gebührend eingeweiht. Im Rahmen dessen wird die restaurierte Skatehalle am Schlachthof „neueröffnet“. Am Abend spielen die Krupps und Skid Row. Neben all dieser Action ist eine große Longboard-Messe geplant und für den ersten Abend wurde eine Punkband engagiert die auf dem Dach eines Transformerhäuschens spielt. Und es wird ein Fun-Elektroskateboardrennen geben. Die Whitezu wird installiert und das Beste: Firmen die vor Ort ausstellen, zahlen keinen Cent. Das Testgelände am Schlachthof lockt mit reichlich Platz und gutem Asphalt. Neben dem ohnehin schon einladenden Setup finden nebenan die Schobbetage statt. Zu dieser Gastroveranstaltung pilgern jährlich tausende von Schaulustigen. Der Zeitpunkt ist Ende April. Es sind keine Ferien, d.h. die Zielgruppe ist vor Ort. Das Wetter dürfte nicht zu warm und nicht zu kalt werden. Das wir Veranstaltungen können, haben wir auf dutzenden Events bewiesen. Ob nun Sylt oder München, die Hütte war immer voll. Also auch hier: Volles Haus garantiert.

Perfekt für jeden, der Interesse hat, den Longboardsport nach vorne zu bringen….

Der nächste Schritt sind Einladungen an alle Distributoren und Longboardhersteller. Die Antworten auf die Einladung erspare ich euch. Bis auf drei oder vier Firmen antwortete niemand oder teilte uns mit, dass kein Budget (!) da wäre. Es gibt diesen Sommer keine explizite Longboardmesse. Im Winter gibt es die ISPO und die Shred Expo in Leipzig. Das war es? Also wo zeigt ein nationaler oder internationaler Hersteller seinen Stuff?

Ich höre es schon wieder…. Das geht doch keinen was an. Das ist doch eine interne Diskussion…. vielleicht kriege ich wieder Klageandrohung, vielleicht kündigen mir einige die „Freundschaft“. Normalerweise liest jemand Drittes über die Artikel, die ich so auskotze. Teils um sie zu entschärfen, teils weil auch ich mit meinen Einschätzungen nicht immer richtig liege. Aber irgendwas muß, auch in den regidierten Artikeln, wohl richtig gewesen sein.

Tony Gale schreibt “Skateboarding”, as a business, has always gone in boom-and-bust cycles – due largely to a combination of narrow-minded marketing, cultural conservatism and the outright pillaging of the culture by vampiric businessmen with no concern for the welfare of the activity they are bleeding dry. I feel that if the boom in interest in longboarding and cruisers had been handled more carefully, this cycle could, perhaps, have been broken. Now I fear that maybe we have missed our chance.“

http://everythingskateboarding.com/perspectives-march-2018-the-state-of-the-industry-by-tony-gale/

In diesem Artikel erfaßt er die Situation der Branche, ohne Lösungswege aufzuzeigen. Er beschreibt auch den Vibe der ISPO recht gut. Die vielen Gespräche und die Party – aber auch das Durchschimmern von Verzweiflung.

Lösungen gibt es, jedoch müssen alle einem Strang ziehen oder es wenigstens versuchen. Aber diesen Anspruch haben nur ganz ganz wenige Leute. Die meisten erzählen was von „Wellen“ die wir nicht steuern können. Das ist schon immer so gewesen – und wird immer so sein.

Bullshit!

Surft auf der Welle und dann paddelt zurück ins Lineup. Im Augenblick sitzen die meisten von uns im Weißwasser und geben der Leash die Schuld, dem Board, dem Wachs, der Finne, ihrem Neo. Hin und wieder kriegen sie eine auslaufende Welle, die sie wieder zwei Meter weiter ins Weißwasser drückt. Und die „vampiric Businessmen“ ? Schaut zum Strand – das sind die mit den Schampusgläsern im Strandkorb. Oder schaut aufs Meer, im Lineup, da sitzen sie auch. Und ihre Scooter verkaufen sich wie die Hölle. Es sind nicht die besseren Surfer. Sie sind nur cleverer.

Was tun?

Es gibt einige Möglichkeiten. Sie kosten nicht viel – sie kosten vielleicht sogar gar nichts. Aber keine der Handlungsmöglichkeiten, die wir nun in Betracht ziehen, wird aus dem Longboard/Skateboardmarkt über Nacht eine Boombranche zaubern. Die Nachwuchsarbeit fand so gut wie gar nicht statt – und dieser Punkt hat dem „Core“ den Boden unter den Füßen weggerissen. Denn plötzlich finden sich in den Skateparks der Republik Scooter ohne Ende….

Viele Fragen – was ist falsch gelaufen? Michael Brooke vom Concrete Wave Magazin hat es auf den Punkt gebracht. „Schau dich um in der Branche, es gibt keine studierten Ökonomen, keine Betriebswirtschaftler. Es gibt zwar einige, sehr helle Köpfe in der Industrie, doch leider wird die Energie in die falsche Richtung gelenkt.“

„Give me Bread today – Make me hunger tommorow“

Jeder – ausnahmslos- jeder hat seine Fehler gemacht. Wir auch. Es wäre vermessen zu sagen, ich bin der, der den heiligen Gral gefunden hat. Als wir 2011 anfingen das 40inch herauszugeben, waren unsere Fachkenntisse, ich sag mal suboptimal. Mit den vielen, vielen Fehlern in Grammatik und Rechtschreibung verstärkten wir den Eindruck komplette Vollpfosten zu sein. Aber wir haben uns verbessert. Ausgabe für Ausgabe, Artikel für Artikel. Wir haben zugehört. Was wir niemals wollten, war das Sprachrohr des „Cores“ zu sein. „Core“ wenn ich das schon höre. Denn der „Core“ hilft und half der Skateboardindustrie nie. Ganz im Gegenteil, durch seine Abkapslung verhindert er, dass frisches Blut in die Szene kommt.

Im Laufe der Zeit, lernten wir logischerweise immer mehr Leute kennen. Ich sprach mit vielen, die in den 60er, 70er Jahren ein Teil dieses „Core“ waren und immer noch mehr oder weniger aktiv in der Szene mitmischen. Ich hörte von Selbstmorden, Leuten die in Therapie sind und beobachtete das lustige „ich kaufe und verkaufe die Schloßallee oder Sector9“. Kaum zu glauben, dass eine „Funsportbranche“ so emotional sein kann. Und die meisten haben oder wollten es nicht mitbekommen.

Es gibt einen Kreis von Autoren der Skatemagazine, denen ich – aber auch Bud Stratford, Michael Brooke und einige andere angehören. Wir alle machen uns so unsere Gedanken über das auf und ab, und alle denken das gleiche über diese Branche. Oft hatte ich mich mit Natascha unterhalten. Sind wir eigentlich neben der Spur? Machen wir was falsch? Grade in den Anfangszeiten des Magazins waren wir uns ziemlich sicher, dass wir es sind, die einen völlig falschen Ansatz verfolgen, wie eine Branche funktionieren kann. Aber dann sprachen wir mit den oben erwähnten Autoren – aber auch mit Jogi März (Pogo) oder Dan Gesmer (Seismic) und uns wurde klar. Wir sind es nicht die daneben liegen.

So kam es dann zu einigen Artikeln, die wir nie veröffentlicht haben. Teilweise aus Selbstschutz, teilweise weil wir wußten, wenn wir die raushauen, dann wird die Anzahl der Anzeigenkunden sich halbieren. Jetzt ist es egal, denn kaum einer hat mehr das Geld um nur 50 Euro in Anzeigen zu investieren. Je mehr mehr ich schreibe, desto größer wird die Angriffsfläche. Das ist gut. Vielleicht treffe ich oft daneben – aber ganz sicher treffe ich den ein oder anderen. Und getroffener Hund bellt. Wo fangen wir an?

Nennen wir es mal:

Acht Wege wie ich eine Kultur zu Grabe trage
Was wir aus den Fehlern der letzten 50 Jahre nicht gelernt haben.

Es ist nicht wegen der Wellen sondern es sind die Fehler die die gleichen Leute Jahrzehnt für Jahrzehnt gemacht haben oder machen – wie ein Uhrwerk.

Szene
Vergrabt euch im Core. Laßt niemand in den auserwählten Kreis. All diese Kooks sind es nicht wert Spaß zu haben oder es zu lernen. Beleidigt sie auf Facebook oder in Foren. Macht ihre Boards schlecht, zeigt ihnen aber auf keinen Fall wie es besser geht. Versucht gar nicht erst Sponsoren aus anderen Branchen zu kriegen. Veranstaltet ausschließlich Hochgeschwindigkeitsrennen – niemals irgendwas für Kids die grade anfangen. Sie sind nicht Core. Hersteller oder Distributoren neuer, innovativer Produkte MÜSSEN beschimpft werden. Es soll sich ja nichts ändern. Veränderungen sind scheiße.

Shops
Hohe Rabatte! Das ist das Zauberwort. Kauft viel und dann haut es zu Schnäppchenpreisen raus. Versucht die Coreszene in den Shop zu bekommen. Nach Möglichkeit Fahrer die Anfängern zeigen wie schlecht diese fahren. Unterstützt nicht die Community. Niemals. Fokussiert euch darauf Geld zu verdienen. Die anderen machen die gleichen Fehler. Also habt ihr nur knapp vier Jahre Zeit Kohle zu schaufeln. Neue, innovative Sachen gehen gar nicht.

Fahrer
Kauft ausschließlich online!! Geht niemals in einen Skateshop! Das gilt auch für die Coreskater. Kauft im Ausland, man kann dort 10 Dollar sparen und es ist bei weitem „cooler“

Distributor
Beschränkt euch auf das Kaufen und Verkaufen. Versucht soviel Brands wie möglich in den Vetrieb zu kriegen. Und zwar exclusiv. Auch wenn ihr das Produkt gar nicht mögt und ihr gar nicht vorhabt, diesen auch anständig zu bewerben. Egal. Geld. By the way. Verschwendet das nicht für Brandmarketing oder Aufbau einer Community. Das macht der Hersteller schließlich auch nicht. Wenn der Longboardverkauf weniger wird (und das wird er), dann verkaufe wieder Skateboards, wenn das crasht, wechsel wieder zu Longboards. Falls beides nicht klappt, wähle Waschmaschinen oder Stuntscooter. Betone aber immer dabei, dass du eigentlich ein „coreskateshop“ bist. Sollte die Longboardszene immer noch existieren, fange an selbst Mittelklasse-Longboards zu produzieren und diese in den Markt zu drücken. Das ist billiger und dein Gewinn ist höher. Dies ist luktrativer als zu importieren. Wenn du merkst es eskaliert, verramsche den ganzen Kram. Fokussiere dich auf das Geld verdienen. Fokussiert euch darauf Geld zu verdienen. Die anderen machen die gleichen Fehler. Also habt ihr nur knapp vier Jahre Zeit Kohle zu schaufeln.

Brands
Fokus auf den Core. Gebt das Marketing in die Hände der Freundin oder eine Freundin des Freundes. Der hat mal die Anzeigen für den örtlichen Dackelclub gestaltet oder hat einen Fashionblog. Falls jemand aus dem Ausland anfragt, verkaufe direkt, auch wenn du dort einen Distri hast. Absprachen sind für Pussies. Wenn der Markt stagniert, stelle sofort alle Aktiviäten ein. Du kannst es nicht ändern. Baue auf keinen Fall ein Team mit Fahrern auf. Sei sicher, dass dein Distributor noch 40 andere Brands unter Vertrag hat. Das erspart dir einiges an Arbeit(!) – in der Produktion. Versuche soviel Ideen wie möglich zu kopieren. Versuche Patente dafür zu kriegen. Notfalls klage. Ignoriere Magazine oder andere Medien. Beantworte niemals irgendwelche Mails. Du brauchst sie nicht. Du hast Facebook. Fokussier dich darauf Geld zu verdienen. Die anderen machen die gleichen Fehler. Also hast du nur knapp vier Jahre Zeit Kohle zu schaufeln.

Onlineshops
Schreibe Reviews für völlige Schrottmöhren. Schau nicht auf die Qualität. Dein Augenmerk ist die Marge nicht der Stoke. Liege immer unter den Preisen der Konkurrenz. Versuche in der Boomphase alles aufzukaufen. Du hast genug Geld. Und am Ende verramsch den Scheiß. Egal. Fokussier dich darauf Geld zu verdienen. Die anderen machen die gleichen Fehler. Also habt ihr nur knapp vier Jahre Zeit Kohle zu schaufeln. Gebe mehr Geld für Googlekampagnen aus als für Communityarbeit. DEIN Job ist möglichst viele Boards zu verkaufen und nicht zu helfen.

Olympia
Erzähle jedem, dass Olympia schlecht ist. Geht lieber zur SLS, die schmeißen ihr Geld nicht raus für Jugendarbeit oder sonstigen Mist den die Schwachköpfe vom NOK sich einfallen lassen. Außerdem wird der Drogenkonsum beschränkt und das gehört schließlich zur Kultur. Muss.

Sponsoring Shops, Brands, Distributoren
In der Hochphase verdient ihr Millionen wenn es gut läuft. Falls also jemand ein Event plant gebt maximal ein Brett und paar Kugellager. Diese Hochphase wird vergehen und ihr braucht schließlich jeden Cent für den wochenlangen Urlaub oder den Golfclub. Die andern geben auch nichts. Versucht Magazine und Tradeshows schlecht zu machen oder zu ignorieren. Dies im Besonderen wenn der Markt rückläufig wird. Einer muß ja die Schuld haben. Die wollen vielleicht was nachhaltiges aufbauen. Oder etwas neues. Das wollt ihr nicht. Veränderungen sind scheiße.

 

Longboard ist in den USA mittlerweile ebenfalls kein Thema mehr, dort wurden die identischen Fehler gemacht. Und die Diskussionen die hier geführt werden, kann man nur belächeln. Statt Lösungswege zu suchen, suchen die meisten ihre embryoanele Grundstellung….