Ausbildungsziel – Lebensqualität

(das Interview ist vom letzten Jahr. Mittlerweile ist der Laybackshop umgezogen in die Schopfheimer Straße 3)

 

Nach drei Stunden Fahrt traf ich gegen frühen Abend in Freiburg ein. Was von außen ein wenig desolat ausschaute, entpuppte sich als ein gigantischer Longboardshop, mit allen nur denkbaren Brettern, Rollen und Achsen. Ob man unsere Boardkritiken nur ausgeschnitten und an das Schaufenster geklebt hatte, weil wir zu Besuch kamen, kann ich gar nicht beurteilen. Auf jeden Fall schon mal ein warmer Empfang. Der Layback-Shop liegt inmitten einer alten Industrieanlage. Direkt daneben trommelte eine, ich würde sagen Hippie-Kommune, während des Interviews mit sechs oder sieben Trommlern den Soundtrack zur Reportage. Der Werkstattbereich des Layback-Shops ist abgegrenzt und in zwei Baucontainern daheim. Man schmeckt, dass hier gearbeitet wird. Im Shop selbst ist Hochbetrieb. Einige Kunden lassen sich ihr Board zusammenschrauben.

 

Alfred ist ebenfalls im Shop, und nachdem die Kunden ihre guten Stücke erhalten haben, haben wir Zeit für das Interview. Zunächst erhalte ich die Betriebsführung deluxe, wobei mir auch mitgeteilt wird, dass ich nicht alles fotografieren solle. Schließlich wird im Longboardbereich gut und gerne kopiert. Alfred zeigt mir dann auch einige Shapes, die den Hackbrettern ziemlich gleichen, und wir schmunzeln über die Hackbretter aus aller Herren Länder.

Aber die Hackbretter sind nicht der Grund meines Besuches. Der steht immer noch bei den Kunden: Flurin Steiert, Jahrgang 1992. Mit Basecap, Muschelkette und Flipflop sieht er aus wie der Prototyp eines Surfers und nicht wie der Stift vom Dienst.

 

 

fl1 flu2

 

Hi Flurin, kein schlechter Arbeitsplatz oder?
Nein, man kann es definitiv schlechter treffen. Ich bin irgendwann mal zum Stammtisch in Freiburg gegangen. Das war vor knapp sechs Jahren. Seitdem hat mich das Longboardfieber gepackt und nicht wieder losgelassen. Zwangsläufig ist der Layback-Shop und die Firma Hackbrett natürlich erste Wahl hier in Freiburg. Wir können sehr selbständig arbeiten und Hartmut (aka Hack) lässt uns viel Freiraum. Natürlich immer im Rahmen von Qualitätsstandards. Wenn wir Fehler machen, wird uns nicht der Kopf abgerissen. Das Arbeiten ist also ziemlich angenehm.

Also eher ein lockerer Job?
Manchmal ist auch richtig Stress, aber an anderen Tagen kann man es auch ruhiger angehen lassen. Aber was Hartmut und die anderen mir vermitteln wollen, ist, glaube ich, diese Art Lebensqualität, die andere vergeblich suchen. Es ist kein Problem, mal ein paar Tage frei zu machen, um Longboarden zu gehen oder auch mal eigene Projekte zu planen. Nicht nur Leben, um zu arbeiten, sondern eine gesunde Mischung zu finden, darum geht es.

Wie heißt Dein Ausbildungsberuf genau?
Offiziell werde ich zum Holzmechaniker für Möbel- und Innenausbau ausgebildet. 80 Prozent der Zeit und Ausbildung verbringe ich hier und 20 Prozent bei einem befreundeten Betrieb, dessen Besitzer Tischlermeister ist und somit als Ausbilder fungiert. Dort lerne ich die klassischen Sachen.*

Wie lange dauert Deine Ausbildung?
Drei Jahre, wobei ich schon ein Praktikum im Vorfeld gemacht habe und natürlich schon ein wenig Vorkenntisse habe.

Du hast dann auch ganz normal Berufsschule?
Ja, zwölf Wochen im Jahr habe ich Blockunterricht. Ich bin froh, hier in Deutschland zu leben und meine Lehre mit deutschen Standards zu machen. Man lernt sehr intensiv und kann mit dieser Ausbildung überall auf der Welt Fuß fassen.

Wo siehst Du Deine Zukunft?
Ein Vorteil der Ausbildung und auch des Betriebes hier ist die umfangreiche Ausbildung an der CNC-Maschine. Viele Tischlereien stellen sich so ein Teil hin, aber einige haben echte Probleme mit der Bedienung. Und in diesen CNCs liegt die Zukunft. Ich selber würde gerne ein wenig in der Welt herumreisen. Kanada steht ganz oben auf der Liste. Mal ein wenig mit den Jungs von Landyachtz skaten, das wäre schon was.

Was kriegt ein Azubi denn an Gehalt?
Große Sprünge sind nicht drin. Derzeit gibt es um die 500 Euro im Monat, das steigt dann von Jahr zu Jahr. Aber Geld ist bekanntlich nicht alles.

Was durftest Du schon alles alleine machen?
Grundsätzlich bin ich mittlerweile in der Lage, ein Brett von A bis Z selbst zu bauen. Ich habe aber auch schon die Inneneinrichtung aufgebaut und für die ISPO die Stände von Hackbrett und von Landyachtz geplant und zusammengebaut.

Was treibst Du neben Deiner Ausbildung?
Ich bin Landesausbilder beim DSV für den Bereich Snowboard und natürlich viel auf dem Longboard unterwegs.

Ja, ich sehe, Du sitzt auf gepackten Koffern…
Gleich geht’s nach München, dann zum Almabtrieb und ich fahre die Eurotour mit. Ich bin dann mal weg…

 

 

*Anmerkung der Redaktion: In Deutschland besteht immer noch der Meisterzwang. Dieses Gesetz wurde 1935 ins Leben gerufen und gilt bis heute für viele Berufe. Ein bißchen weitergesponnen: Falls das Berufsbild des Longboardbauers erschaffen werden würde, dürften viele Longboardbauer ihren Beruf unter Umständen nicht mehr ausüben, da die wenigsten tatsächlich Ingenieure oder Meister im Tischlerhandwerk sind.