Ab durch die Walachei!

 Ab durch die Walachei! – Bretttrek Rumänien: 450 Kilometer auf dem Longboard von Transsylvanien bis ans Schwarze Meer

Eine mystische Stimmung. Es ist sechs Uhr morgens und endlich herrscht eine Temperatur über dem Gefrierpunkt. Mein Longboard ruckelt über eine nebelige Piste parallel zur rumänischen Donau in Richtung Süden. Jaja, Kontinentalklima. Nix Golfstrom wie in Portugal! Ich habe es gewusst, doch die Theorie fühlt sich immer wärmer an.

Meinem noch von der kalten Nacht steifen Körper fällt es nach drei Stunden Schlaf schwer, das Brett auf eine effiziente Geschwindigkeit zu bringen und den Schlaglöchern der Straße auszuweichen. Es war eine harte, kalte Nacht unter der selbigen Straße, auf der die kurze Nose meines Longtrek-Reapers gerade den Morgennebel durchschneidet.

Nebel

Das Domizil der vergangenen Nacht, ein kurzer Tunnel unter dieser besseren Schotterpiste, in dem sich die kalte Nachtluft sammelte, bot wenigstens dem Wind die Stirn. Ein Feuer aus Resten von Baumrinden, welche die wohl illegalen Holzfäller von den alten Eichen hinterlassen hatten, hielt die Schlaftemperatur gerade so im erträglichen Bereich um die Null Grad. In warmer Erinnerung bleibt hingegen die Lehre, wegen dreihundert Gramm Gewichts nicht auf den dickeren Schlafsack zu verzichten…

Ich will nur noch eine warme Dusche, bin bereit, für all mein Geld ein Hotelzimmer in der nächsten Stadt Medgidia zu nehmen, um meine Füße aufzuwärmen, meinen Energiehaushalt aufzutanken – und zu schlafen! Doch vorher gilt es noch, 54 Kilometer auf zum Teil miesestem Asphalt zu überwinden, den ich gegen die Gefahr eines Verkehrsunfalls auf der Schnellstraße eingetauscht habe. Durchhalten! Ich bin körperlich und mental am Ende – aber noch nicht am Ziel.

Bergauf und bergab geht es durch eine idyllische Auenlandschaft, dessen Schönheit es aber gerade nicht schafft, mein Inneres zu berühren. Dreimal pushen rechts, Fußwechsel, dreimal Pushen links, Fußwechsel, dreimal Pushen rechts, Fuß… nein Schlagloch, ausweichen, dreimal pushen rechts…

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Doch es geht voran, die Sonne erwärmt langsam die Luft, der Nebel verschwindet und es soll wieder ein sonniger Herbsttag ohne Regen werden. Im Laufe des Tages löse ich mein textiles Zwiebelprinzip langsam auf und Ich verstaue die Hardshell-, Daunen- und Softshelljacke nach und nach im Rucksack, bis ich nur noch im T-Shirt die Steigung hinauf ächze. Das dreieckige 10%-Steigungsschild am Rande der Straße erinnert mich daran, dass ich hier wohl offensichtlich Sport betreibe. Ich verfluche meinen Rucksack und das Gewicht der darin zusammengestauchten Klamotten, die mir mein Überleben in der Nacht gerettet haben. Dann geht es endlich wieder bergab, der Straßenbelag wird besser und mein Brett wieder schneller. Ich klinke die Slide-Handschuhe aus dem Karabiner am Brustgurt des Rucksacks, genieße das Surren der Rollen und den einsetzenden Flow. Der Verkehr ist moderat, je nach Fahrtrichtung eines Autos surfe ich auf die rechte oder linke Spurrinne über die Wölbung der Straßenmitte, Pferdekarren werden überholt. Ein W-Concave in Großformat. Und kilometerlang bergab, nice one! Dem Gefühl der Sinnlosigkeit ist das der Lebendigkeit im Augenblick gewichen. Ich erinnere mich an den Grund meines Aufenthaltes in Rumänien: Skaten.

Dem erneuten Asphaltrausch folgt der Hunger: Gaskocher auspacken, Mittagspause. Eine Dose Baked Beans, die ich zusammen mit einem Liter Wasser in einem kleinen Tante-Emma-Laden eines Dorfes erworben habe, wird im Nu verschlungen. Draußen schmeckt alles!

Im Gras liegend realisiere ich beim verspäteten Studieren meiner topographischen Karte, dass ich einen Umweg von 15 Kilometern gemacht habe – F***K, scheiß Google Maps, ich Vollidiot! Egal. Weiter! Vor Sonnenuntergang komme ich völlig ausgepowert an einem Hotel in der Rumänischen Kleinstadt Medgidia an, um auf das Eincheck-Formular der Edelherberge bei „Grund des Aufenthaltes“ als Angabe „Skating Romania“ mit einem Kugelschreiber hinzukrakeln. Ich schwinge meinen leergetankten 8-Kilo-Rucksack ein letztes Mal für diesen Tag auf meine Schultern und schnappe mir mein getreues Bambusbrett mitsamt dem Zimmerschlüssel, um mich im Hotelzimmer aufs frisch gemachte Bett fallen zu lassen – ein Traum! 64 Kilometer skaten, genug für heute – morgen geht’s weiter, nur noch eine Tagesetappe bis zur Hafenstadt Constanta am Schwarzen Meer.

Ich habe es fast geschafft. Acht Tage habe ich bis hierher gebraucht. Am neunten sollte ich das Schwarze Meer erreichen. Mein Weg führte mich von Bukarest ins transsilvanische Brasov und dann per Langbrett durch die traumhaften Herbstwälder der östlichen Karpaten auf der bestens geteerten Straße Nummer 10 nach Buzau. Es folgten Nachtfahrten bei Vollmond und einsame Pisten durch die Walachei, mal mit – mal gegen den Wind.

Eiskalte Nächte habe ich in meinem Einmann-Zelt verbracht, um am Morgen gefrorenes Kondenswasser von meinem Außenzelt zu kratzen und das geizige Einsparen des Innenzeltes zur Gewichtsreduzierung zu bereuen, das den Wind zum Auskühlen meines Schlafsacks einlud.

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Der Kaffee am Morgen nach solchen Nächten wird immer wieder zum Fest für die Sinne, mitten in der sprichwörtlichen Leere der Walachei – wenn ich noch Wasser zur Zubereitung eines solchen habe. Ich habe die zähen Steigungen bergauf verflucht und die Downhills gefeiert, auch wenn ich sie per Fußbremse bis auf maximal 45km/h runterbremsen musste, um nur mit G-Forms, Mesh-Slidehandschuhen und leichtem Kletterhelm geschützt mit meinen Downhillskills eines Hamburger Flachlandboarders alter Schule plus Rucksack auf dem Rücken kein vorzeitiges Aus der Tour zu riskieren. Ich war konzentriert, wenn es nötig war, bin nicht ein einziges Mal gestürzt und sollte es bis zum Ziel hin auch nicht mehr tun. Das Einteilen meiner physischen wie psychischen Ressourcen hat funktioniert, die Stimme meines Körpers war stets laut genug, um sich gegen die euphorische Unvernunft des Kopfes durchzusetzen. Ich habe meine Angst gegenüber tollwütigen Hunden überwunden und mich des Nachts von den Wölfen in den Schlaf jaulen lassen. Ich habe die Schönheit der materiellen Einfachheit gespürt und den Luxus eines beheizten Schlafzimmers wenigstens für eine Weile wieder schätzen gelernt; auch wenn sich dieses Bewusstsein meiner Reise-Erfahrungen nach schnell wieder in der Selbstverständlichkeit des Alltages verliert und man so unumgänglich wieder „outdoors“ gehen muss, um es durch Verzicht erneut zu erlangen.

Beim einsamen Pushen hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Über mein schlechtes Gewissen gegenüber Menschen auf der Flucht, die ohne Zweihunderteuroschlafsack auf dem Rücken gerade irgendwo in diesem Land in die andere Himmelsrichtung laufen und um ihr Überleben in kalten Nächten kämpfen, ohne EU-Pass und EC Karte als Sicherheit in der Tasche.

Und über den Luxus der Möglichkeit, den Augenblick im Hier und Jetzt genießen zu können, einfach nur inmitten einer wunderschönen Natur zu Skaten, herzlichen Menschen zu begegnen, die ihrer Perspektivlosigkeit trotzen. Direkte Hilfsbereitschaft zu erfahren, wie die vom rumänischen Trucker Mihail, der mich über die für Fußgänger nicht passierbare Donaubrücke fährt und mich mit Tipps für mein weiteres Vorhaben versorgt. Über nachhaltige Erlebnisse solch einer Tour, wie die rumänische Gastfreundschaft des Hotelmanagers Costin in den Karpaten, der mich spontan zum Teilnehmer seiner Geburtstagsfeier mit Freunden und Familie macht und zu Speis und Trank einlädt. Und ich genieße es, meinen Körper und meinen Geist auch mal wieder über Tage an meine Grenzen zu bringen, um am Ende einer für mich langen Reise an meinem konstruierten Ziel anzukommen – und mit neuen Freunden in einem Hostel in Constanta zu feiern.

Ich werde es wieder tun, das Reisen mittels Longboard als Fortbewegungsmittel, möglichst autark und unabhängig durch mein Schneckenhaus auf dem Rücken für intensive Momente in der Natur. Nicht mehr in diesem Jahr, sicherlich nicht mehr in diesem Winter. Aber beim Schreiben dieser Zeilen verspüre ich jetzt schon wieder Lust auf den nächsten Bretttrek.

Also ihr Longboard Kids da draussen! Ihr wollt was erleben? Nur Mut. Es muss ja nicht gleich ein neuer Weltrekord sein. So switch off your Youtube Channel, drop your board, grap a tent, and get your ass on the road! Aber wartet besser bis zum Sommer. Skate further!

Text und Bilder von Arne Reinisch

Arne Reinisch ist Baujahr 1981 und verdient seine Brötchen in einer sozialpädagogischen Wohngruppe in Hamburg. Er ist Autor des Artikels „Longdistance Skating“ in dem Sachbuch „Longboard – die Kunst des Asphaltsurfens“ von Gorden Timpen und pushte mit Freunden vom Rollsport Hamburg e.V. im schwedischen Sommer 2011 800km von Malmö nach Stockholm. Da er im Sommer normalerweise mit seiner Verlobten auf Felskletter-Roadtrip ist, machte er dieses Jahr seinen „Portugal Bretttrek“ im Februar und seinen „Rumänien Bretttrek“ im Oktober. Arne bedankt sich beim Mantis Longboardshop für die Unterstützung seiner Touren. Ein filmischer Zusammenschnitt seiner Rumänien-Tour ist in Arbeit.

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